Zwölf Jahre sind für viele von uns eine lange Zeit. Andere Menschen zahlen in diesem Zeitraum ein Haus ab, es wechselt dreimal die Regierung oder man entdeckt, dass der Kräuterlikör hinten im Küchenschrank offenbar doch nicht automatisch besser wird. 'Echo & The Bunnymen' haben seit 'Meteorites' aus dem Jahr 2014 dagegen gewartet, bis wieder genügend gute Songs vom Baum fielen. Nun ist die Ernte da – und erfreulicherweise handelt es sich bei 'Apples For Isaac' nicht um musikalisches Fallobst.
Die 1978 in Liverpool gegründete Band gehört eben zu jenen Formationen, deren Einfluss sich kaum sauber vermessen lässt. Post-Punk, New Wave, psychedelischer Rock und britischer Gitarrenpop wurden von ihr nicht erfunden, aber mit Alben wie 'Crocodiles', 'Heaven Up Here', 'Porcupine' und 'Ocean Rain' so wirkungsvoll verbunden, dass sogar noch Jahrzehnte später zahlreiche Musiker in ihren atmosphärischen Gitarren und ihrer romantischen Düsternis herumstöbern. Ganz verschwunden war die Band seit 'Meteorites' natürlich nicht. Sie spielte weiterhin Konzerte, und 2018 erschien mit 'The Stars, The Oceans & The Moon' eine Sammlung neu arrangierter Fassungen älterer Stücke, ergänzt um 'The Somnambulist' und 'How Far?'. Ein Album mit vollständig neuem Material war das jedoch nicht. Diese Pause beendet nun das am 18. September 2026 über 'BMG' veröffentlichte 'Apples For Isaac'.
Das inzwischen 13. Studioalbum umfasst feine elf Stücke und benötigt nur dafür gut 37 Minuten. Kein Titel überschreitet hier die Vier-Minuten-Marke. Das passt zu einer seiner größten Stärken: Die Songs formulieren ihre Ideen und verschwinden wieder, bevor aus Würde Behäbigkeit und aus Pathos ein Möbeleinkauf für sehr große Kathedralen werden kann. Die lange Entstehungszeit war dann auch nicht allein der scheuslichen Pandemie geschuldet. 'Ian McCulloch' bezeichnete die über mehrere Jahre gewachsenen Aufnahmen als Herzensprojekt und wollte Texte schreiben, die entweder verständlich oder wenigstens auf bedeutsame Weise rätselhaft bleiben. Das ist passend für einen Sänger, der seit jeher so klingt, als kenne er die Antwort auf sämtliche Fragen, wolle sie aber nur in einer verlassenen Kirche bei Vollmond verraten.
Musikalisch beginnt 'Apples For Isaac' erstaunlich beweglich. Bass und Schlagzeug drängen nach vorn, Gitarren setzen schillernde Akzente, und darüber thront eben die Stimme von 'Ian McCulloch'. Aus dem einst helleren Tenor ist ein tiefer, rauer Bariton geworden. Die Jahre sind hörbar, werden aber nicht versteckt. Gerade dadurch gewinnen die Songs an Charakter. Der Sänger stellt seine Jugend nicht nach, sondern arbeitet mit den Gebrauchsspuren seines Instruments. Dass die Stücke trotz ihrer melancholischen Grundierung so viel Energie besitzen, liegt meiner Meinung nach auch wesentlich an 'Clem Burke'. Der langjährige Schlagzeuger von 'Blondie' spielte auf zehn der elf Titel und starb dann leider im April 2025 während der Fertigstellung. Sein Spiel verbindet Präzision, Kraft und Vorwärtsdrang. Es erinnert dabei an jene rhythmische Spannung, die 'Pete de Freitas' in die klassischen Aufnahmen der Band brachte, ohne wie eine bloße Nachahmung zu wirken. Diese Songs gehören zu den letzten Arbeiten von 'Clem Burke', doch das Album klingt nicht wie ein nachträglich errichtetes Denkmal. Sein Schlagzeug hält es vielmehr kraftvoll in Bewegung.
Auch die Gitarre von 'Will Sergeant' bleibt unverkennbar. Seine tremolierenden, psychedelisch schimmernden Linien öffnen Räume und erzeugen jene eigentümliche Mischung aus Weite und Unruhe, die zum Markenkern der Band gehört. Allerdings tritt die Gitarre eher punktuell als dauerhaft ins Zentrum. Das verleiht den markanten Ausbrüchen besondere Wirkung, nimmt dem Album aber etwas von jener nervösen Unberechenbarkeit, die das frühe Werk so faszinierend machte. Grundsätzlich ist 'Apples For Isaac' stärker von Gitarre und Bass angetrieben als manche spätere Veröffentlichung. Streicher, Piano und vereinzeltes Saxofon erweitern die Arrangements, ohne sie zu überladen. Das Album kann tänzeln, aufbegehren und kurz darauf wirken, als würde es allein unter einer Straßenlaterne über die Endlichkeit nachdenken. Bei 'Echo & The Bunnymen' schließt sich das glücklicherweise nie gegenseitig aus. Inhaltlich kreist 'Ian McCulloch' um Erinnerung, Nähe, Glauben und die Erkenntnis, dass Zeit zwar angeblich alle Wunden heilt, vorher aber gern noch ein paar neue verteilt. Der Titel 'Apples For Isaac' legt eine Verbindung zu 'Isaac Newton' nahe. Tatsächlich findet sich reichlich Schwerkraft: Menschen und Erinnerungen ziehen einander an, Lebenszeit zieht alles langsam zurück auf den Boden, und selbst große Gesten können dem Fallen nur Haltung verleihen. Ob diese Lesart beabsichtigt ist, bleibt offen – passen würde sie.
Als erster Anspieltipp empfiehlt sich 'Brussels Is Haunted'. 'Ian McCulloch' verarbeitet darin Erinnerungsbilder aus Brüsseler Nächten und der frühen europäischen Geschichte der Band, ohne daraus eine gemütliche Rückschau zu machen. Ein vorwärtsdrängender Rhythmus, psychedelisch schimmernde Gitarren und eine schnell haftende Melodie verbinden Vergangenheit und Gegenwart. Das Stück besitzt genügend klassische Bunnymen-DNA, wirkt dabei jedoch lebendig statt konserviert. Für mich persönlich bildet 'Unstoppable Force' das emotionale Zentrum. Eine karge, hallende Gitarre, in der entfernt etwas von 'The Velvet Underground' nachklingt, lässt die Stimme von 'Ian McCulloch' ungewöhnlich ungeschützt hervortreten. Seine Gedanken über nachlassende Kräfte und vergehende Zeit wirken verletzlich, ohne weinerlich zu werden, und pathetisch, ohne unter ihrem eigenen Gewicht zusammenzubrechen. Wer verstehen möchte, warum dieses Album mehr als ein solides Spätwerk geworden ist, sollte genau hier beginnen. Überhaupt klingt 'Apples For Isaac' auffallend hoffnungsvoll. Nicht sonnig im handelsüblichen Sinne – dafür sind wir immer noch bei 'Echo & The Bunnymen' und nicht bei einer Reisegruppe auf dem Weg zum All-inclusive-Buffet. Doch zwischen den Schatten erscheinen Wärme, Verbundenheit und vorsichtige Zuversicht. Die Musik akzeptiert Alter und Verlust, ohne daraus eine Dauertrauerschleife zu bauen. #
Ganz ohne Schwächen kommt das Album dennoch nicht davon. Manche melodische Wendung wirkt mir derart vertraut, dass man sie gefühlt schon aus einem früheren Lied der Band kennt. In der zweiten Hälfte nimmt die Musik stellenweise eine sehr gesetzte Feierlichkeit an, wodurch die Spannung kurz nachlässt. Außerdem verliert die Stimme von 'Ian McCulloch' in dichter produzierten Passagen gelegentlich an Kontur. Wo frühere Alben plötzlich eine Tür in den Abgrund öffneten, entscheidet sich 'Apples For Isaac' häufiger für den sicheren, geschmackvoll ausgeleuchteten Weg. Eine radikale Neuerfindung ist das Album also nicht. Wer noch einmal die wilde Kälte von 'Heaven Up Here' oder die majestätische Größe von 'Ocean Rain' erwartet, wird zwangsläufig an der Vergangenheit messen und verlieren. Interessanter ist, was die heutige Band aus ihren bekannten Stärken macht. Die gealterte Stimme von 'Ian McCulloch', die markanten Gitarrenmomente von 'Will Sergeant', das kraftvolle Schlagzeug von 'Clem Burke' und die dichte Atmosphäre ergeben ein Werk, das seine Herkunft nicht verleugnet, aber auch nicht ausschließlich von ihr lebt.
'Apples For Isaac' richtet sich zunächst an langjährige Anhänger von 'Echo & The Bunnymen'. Darüber hinaus dürften auch Freunde von melodischem Post-Punk, atmosphärischem Alternative Rock und psychedelisch gefärbtem Gitarrenpop Gefallen daran finden. Vorwissen ist nicht erforderlich – eine gewisse Bereitschaft zu Pathos, Hall und bedeutungsschwer in den Nachthimmel blickenden Melodien kann allerdings nicht schaden. 'Apples For Isaac' ist kein spektakulärer Neustart und kein Versuch, das Jahr 1984 mit Kerzen, Nebelmaschine und historisch korrekter Frisur nachzustellen. Es ist ein kompaktes, überraschend vitales und stellenweise sehr berührendes Album voller Charakter, Atmosphäre und starker Songs. Die Schwerkraft gewinnt am Ende ohnehin. Selten klang das Fallen jedoch so stilvoll.