Diorama - A Substitute For Light

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Sechs Jahre Pause also! Für viele Bands ist das schon der Moment, in dem hektisch an der eigenen Relevanz geschraubt wird – ein bisschen Trend hier, ein bisschen Stilbruch da. 'Diorama' aber lassen das bleiben. Zum Glück muss man sagen. Mit 'A Substitute For Light' kehren sie nun zurück und wirken dabei so fokussiert, so klar und so unaufgeregt sicher wie lange nicht mehr. Seit 1996 ist 'Diorama' das kreative Zentrum von 'Torben Wendt', entstanden in Reutlingen und über die Jahre zu einer festen Größe im Dark-Electronic-Kosmos gewachsen. Aus dem ursprünglichen Projekt ist längst eine Band geworden: 'Felix Marc' (seit 2000 an Keys und Vocals), 'Zura Nakamura' (Gitarre, seit 2015) und 'Markus Halter' "Marquess" (Drums) haben den Sound nicht nur erweitert, sondern stabilisiert. Veröffentlicht wird das inzwischen elfte Studioalbum über - natürlich - 'Accession Records' – ein Label, das diese Szene nicht nur bedient, sondern mitgeprägt hat.

Und man merkt auch diesem Album sofort an: Hier will und braucht niemand mehr irgendwem etwas beweisen. Nach den eher experimentellen, stellenweise fast verkopften Vorgängern 'Tiny Missing Fragments' und 'Zero Soldier Army' wirkt 'A Substitute For Light' wie ein bewusster Schritt zurück – allerdings nicht im Sinne von weniger, sondern im Sinne von klarer. Weniger Nebenschauplätze, mehr Fokus. Weniger Spielerei, mehr Substanz. Die schon bekannten Vorab-Singles 'No Complications', 'More Gold' und später auch 'Million Dollar Smile' haben diese Richtung bereits angedeutet. Im Albumkontext wird daraus ein stimmiges Gesamtbild: Hier wird nicht mehr alles gleichzeitig versucht. Hier wird entschieden. Und genau das hört man.

„Radiant Pop Hymns From Diorama’s Darkroom“ – klingt wie ein Satz aus einem Marketing-Meeting. Ist es wahrscheinlich auch. Aber selten hat so ein Claim so gut gepasst. Dieses Album leuchtet. Nur eben nicht warm und einladend, sondern eher wie Licht um drei Uhr morgens: kühl, flackernd, ein bisschen gnadenlos. Und genau deshalb bleibt es hängen. Das zentrale Motiv des Lichts zieht sich konsequent durch das Album. Als Verheißung, als Orientierung, aber eben auch als Täuschung. 'Diorama' zeichnen eine Welt, in der alles sichtbar ist, aber immer weniger Bedeutung hat. In der Erinnerungen archiviert werden, bis sie austauschbar sind. Und genau da wird es spannend: Wenn alles jederzeit abrufbar ist, verliert irgendwann auch das Erinnern selbst an Gewicht. Sichtbarkeit ersetzt Substanz. Und genau dieses leise Unbehagen sitzt tief im Kern dieser Platte.

Musikalisch passiert dann etwas, das unspektakulär klingt, aber viel Disziplin verlangt: Es wird weggelassen. Die Arrangements sind klar, stellenweise fast durchsichtig aber nicht leer. Hier fehlt es an nichts – hier wurde schlicht konsequent aussortiert. Die Songs kommen schneller zur Sache, greifen direkter und bleiben trotzdem hängen. Und ja, das Ganze ist hörbar poppiger geworden. Aber nicht anbiedernd, sondern gezielt: zugänglich, ohne banal zu werden. Was daraus entsteht, ist diese sehr eigene Mischung aus Vorwärtsdrang und Nachdenklichkeit. Clubtauglich, ohne plump zu sein. Melancholisch, ohne sich darin zu verlieren. Oder anders gesagt: 'Diorama' bleiben die intelligenten Melancholiker, die sie immer waren – lassen diesmal aber etwas mehr Luft rein. Beim Hören gibt es diese Momente, in denen man eigentlich nur nebenbei laufen lassen wollte – und plötzlich hängen bleibt. Handy weg, Gedanken an. Fein!

Die Stimme von 'Torben Wendt' ist dabei nach wie vor das Zentrum. Dieses leicht Fragile, das nie ins Zerbrechliche kippt, gepaart mit genug Druck, um die Songs zusammenzuhalten. Selbst in den kühleren, fast klinischen Passagen bleibt genug Reibung, damit das Ganze nicht steril wird. Und dann sind da diese kleinen Verschiebungen im Sound. Stellen, die plötzlich kälter werden als würde die Musik selbst kurz Teil der Welt werden, die sie eigentlich kommentiert. Keine großen Brüche – aber genau diese Momente verhindern, dass das Album zu berechenbar wird. Was 'A Substitute For Light' meiner Meinung nach besonders stark macht: Es läuft nicht hinterher. Kein Trend, kein Zeitgeist-Reflex. Stattdessen wird das eigene Profil konsequent geschärft. Und genau deshalb funktioniert das Album so gut.

Ganz ohne Kratzer kommt es trotzdem nicht davon. Manchmal ist das für mein Gefühl alles fast zu perfekt ausbalanciert. Zu sauber, zu durchdacht. Es gibt Stellen, die geradezu danach schreien, einmal kurz aus der Spur zu geraten – tun es aber nicht. Genau da fehlt dieser eine Moment, der nicht komplett kontrolliert ist. Ein kleiner Riss hätte dem Ganzen vielleicht gut getan. Veröffentlicht wurde 'A Substitute For Light' am 10. April 2026 – erhältlich als Digipak-CD, als Double Vinyl (auch in limitierter Edition) und - klar - auch digital. Wir haben hier definitiv ein Album, das man nicht zwischen zwei E-Mails hört. Es drängt sich nicht auf, aber wenn man ihm Raum gibt, dann nimmt es ihn sich auch.

Unterm Strich ist das hier eines der klarsten und überzeugendsten Alben von 'Diorama' seit Jahren. Vielleicht gar nicht einmal das mutigste – aber eines, das genau weiß, was es tut. Und das reicht meiner Meinung nach völlig aus. 'A Substitute For Light' ist ein geiles Release für alle die Electro-Wave mit Substanz mögen. Für Menschen, die Melancholie nicht als Schwäche sehen, sondern als Qualität. Weniger geeignet ist es für alle die Musik nur dann spannend finden, wenn sie maximal sperrig ist. Oder anders gesagt: 'A Substitute For Light' ist kein Licht, das dich blendet. Es ist dieses kalte, flackernde Leuchten, das bleibt – auch dann noch, wenn du es längst ignorieren wolltest. Und genau deshalb lässt es dich nicht so schnell wieder los.

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