Dimmu Borgir - Grand Serpent Rising

Dimmu Borgir - Grand Serpent...

Acht Jahre Stille. Acht Jahre Erwartung. Acht Jahre, in denen sich die Frage langsam, aber unaufhaltsam aufgebaut hat: Was kommt danach? Denn wenn Dimmu Borgir eines nicht können, dann ist es Mittelmaß. Diese Band war nie einfach nur Teil einer Szene – sie war immer Projektionsfläche. Für Größenwahn. Für Pathos. Für die vielleicht eleganteste Grenzüberschreitung, die der Black Metal je hervorgebracht hat: den Sprung vom frostigen Untergrund hin zur orchestralen Apokalypse im Breitwandformat. Mit ‚Grand Serpent Rising‘ kehren sie nun zurück. Und schon der Titel klingt nicht wie ein Album – sondern wie ein Ereignis. Eine Beschwörung. Oder, je nach Blickwinkel, wie die selbstbewusste Ankündigung: Wir sind immer noch die Größten im Raum. Aber klar, genau hier liegt die Fallhöhe. Denn wer so lange wartet, wer sich selbst zum Monument erklärt, der muss liefern. Nicht nur Größe. Nicht nur Klang. Sondern Bedeutung.

Und ja – soviel kann man sagen, liefern können sie noch immer. Der Einstieg in ‚Grand Serpent Rising‘ fühlt sich dann schonmal an wie das Öffnen eines gewaltigen Tores. Dahinter: Druck. Wucht. Kontrolle. Gemeinsam mit Fredrik Nordström erschaffen Dimmu Borgir hier ein Klangbild, das so massiv ist, dass es fast schon körperlich wird. Nicht im Sinne von Chaos – sondern im Sinne von Überlagerung. Schichten über Schichten, perfekt ineinandergreifend, jede für sich präzise gesetzt. Die Gitarren schneiden nicht – sie drücken. Die Orchester tragen nicht – sie dominieren. Und über allem thront Shagrath, der hier endgültig zur Figur geworden ist. Weniger Sänger, mehr Ritualleiter. Weniger Emotion, mehr Inszenierung. Das ist beeindruckend. Keine Diskussion. Und es funktioniert. Anfangs sogar verdammt gut. Denn die ersten Durchläufe entfalten eine Sogwirkung, die man kaum ignorieren kann.

Diese Musik will nicht gehört werden – sie will erlebt werden. Sie baut sich auf, zieht dich rein, überrollt dich. Ein kontrollierter Sturm, der genau weiß, wann er eskalieren muss. Doch dann passiert etwas. Langsam. Leise. Fast unbemerkt. Man gewöhnt sich daran. Die Wucht bleibt. Die Qualität bleibt. Aber das Gefühl von Gefahr… verschwindet. Was anfangs wie ein Sturm wirkt, entpuppt sich als perfekt getaktetes Wetterphänomen. Beeindruckend inszeniert – aber nie wirklich außer Kontrolle. Und genau hier liegt die vielleicht größte Stärke – und gleichzeitig die größte Schwäche dieses Albums. Denn ‚Grand Serpent Rising‘ ist kein Werk, das sich verliert. Es ist ein Werk, das sich jederzeit im Griff hat. Jede Steigerung ist kalkuliert, jede Eskalation vorbereitet, jede Dunkelheit exakt ausgeleuchtet. Das ist große Kunst. Aber es ist auch sichere Kunst. Die von der Band beschworene „Vielfalt“ ist dabei durchaus vorhanden. Unterschiedliche Dynamiken, wechselnde Intensitäten, Variationen im Aufbau. Aber all das bleibt innerhalb eines klar definierten Rahmens. Es ist die Vielfalt eines Architekten, nicht die eines Chaos. Oder anders gesagt: Dieses Album überrascht einen nicht. Es bestätigt einen eher. 

Doch das führt meiner Meinung nach zu einem interessanten, fast widersprüchlichen Hörerlebnis: Man ist gleichzeitig beeindruckt – und ein kleines bisschen unterfordert. Denn wo frühere Werke noch das Gefühl vermittelten, jederzeit auseinanderbrechen zu können, wirkt hier alles stabil. Zu stabil. Der Abgrund ist noch da – aber er ist abgesichert. Mit Geländer. Und vermutlich TÜV-geprüft. Das wirft zwangsläufig die Frage auf: Was ist Dimmu Borgir heute eigentlich noch? Black Metal? Symphonic Metal? Oder längst eine eigene Kategorie – Cinematic Extreme Metal für die ganz große Bühne? Die Antwort ist unbequem, aber ehrlich: Es ist Letzteres. Und das ist weder gut noch schlecht – nur konsequent. Denn wenn man sich ehrlich macht, muss man auch sagen: Kaum eine Band beherrscht diese Form von Inszenierung so perfekt. Kaum eine Band klingt so geschlossen, so souverän, so unangreifbar in dem, was sie tut. Und genau deshalb lieben viele Fans dieses Album vermutlich. Weil es genau das liefert, was sie erwarten – nur größer, dichter, massiver. Aber genau deshalb wird es andere auch frustrieren. Weil es eben nicht mehr riskiert, genau diese Erwartungen zu durchbrechen. Die Schlange, von der hier so viel die Rede ist, erhebt sich tatsächlich. Gewaltig. Glänzend. Unübersehbar. Aber sie windet sich nicht mehr unberechenbar. Sie bewegt sich zielgerichtet.

‚Grand Serpent Rising‘ ist ein beeindruckendes Album. Ja, sogar ein großes Album. Und auch ein technisch herausragendes Album. Aber es ist kein gefährliches Album mehr. Und genau hier entscheidet sich, wie man es bewertet. Für Fans der orchestralen Phase von Dimmu Borgir ist es ein Triumph. Ein monumentales Werk, das die Stärken der Band bündelt und in Perfektion ausspielt. Für Hörer, die sich nach Entwicklung, Risiko und echter Überraschung sehnen, bleibt ein leises Gefühl von „Da wäre mehr möglich gewesen“. Meine persönliche Meinung ist klar: Das hier ist ein Album, das mich beeindruckt hat. Wirklich. Mehrfach. Aber es hat mich nicht wirklich erschüttert. Und vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt.

Dimmu Borgir - Grand Serpent Rising
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