Wie fange ich hier an? Vielleicht auf dem Schulhof. Dort wurden damals keine Links zu Playlists verschickt, sondern Kassetten getauscht. Für jüngere Leser: Das waren kleine Plastikgehäuse, die Musik abspielten, solange sie nicht beschlossen, ihren Inhalt als Bandsalat im Kassettenrekorder zu verteilen. Dann brauchte man einen Bleistift, Geduld und das handwerkliche Geschick eines Uhrmachers. Eine der ersten Aufnahmen, die auf diesem Weg bei mir landeten, war damals 'Unter Falscher Flagge' von 'Die Toten Hosen'. Schnell kamen weitere Kassetten und Lieder hinzu. Stücke wie 'Liebesspieler', 'Armee Der Verlierer' oder 'Warten Auf Dich' haben sich seitdem so tief in mein Kleinhirn eingebrannt, dass man sie dort vermutlich nur gemeinsam mit wichtigen Körperfunktionen entfernen könnte. Telefonnummern vergesse ich inzwischen innerhalb weniger Minuten. Bei alten Hosen-Refrains kann ich dagegen noch heute zuverlässig einsetzen – ungefragt und gesanglich von eher überschaubarem Nutzen für meine Umgebung.
Die Musik bedeutete mir damals weit mehr als nur ein paar eingängige Melodien. Gerade die Texte berührten mich. Sie gaben Gefühlen eine Sprache, die ich selbst nicht hatte. Das war ausgesprochen hilfreich, weil ich damals nämlich in ein Mädchen aus meiner Klasse verliebt war. Sehr heimlich sogar. So heimlich, dass vor allem sie selbst nichts davon wusste – bis heute. Ansprechen habe ich mich natürlich nie getraut. Während andere Jugendliche erste romantische Erfahrungen sammelten, führte ich innerlich bereits eine intensive Beziehung, an der aber leider immer nur eine Person aktiv beteiligt war – ich. Organisatorisch hatte das durchaus schon Vorteile: keine Diskussionen, keine unterschiedlichen Freizeitpläne und keine unangenehmen Begegnungen mit den Eltern. 'Liebesspieler', 'Armee Der Verlierer' und 'Liebeslied' wurden so zu meinen ständigen Begleitern. Die Texte handelten zwar nicht exakt von einem Jungen, der drei Tische weiter im Klassenzimmer saß und es bereits als mutige Kontaktaufnahme empfand, einen Radiergummi in die ungefähre Richtung seiner Angebeteten zu schieben. Trotzdem war ich felsenfest davon überzeugt, dass 'Campino' meine Lage vollständig verstanden hatte.
Die Musik verlieh dieser überschaubaren Schulhoftragödie eine enorme Größe. Andere sahen einen schweigsamen Schüler in einem viel zu weiten Pullover. Ich sah einen gebrochenen Helden, dessen unerfüllte Liebe eines Tages in die Weltliteratur eingehen würde. Tat sie nicht. Aber die Lieder blieben. Irgendwann wurde ich älter, mein Musikgeschmack veränderte sich und 'Die Toten Hosen' verloren ihren Reiz. Warum genau, kann ich heute kaum noch sagen. Spätestens bei 'Kauf Mich!' war ich dann irgendwie draußen. Vielleicht war mir die Band plötzlich zu groß und allgegenwärtig. Vielleicht störte mich auch, dass inzwischen Menschen 'Die Toten Hosen' hörten, deren musikalische Urteilsfähigkeit ich grundsätzlich anzweifelte. In diesem Alter kann eine Band erheblich an Glaubwürdigkeit verlieren, sobald der falsche Mitschüler ihr T-Shirt trägt. Also zog ich musikalisch weiter. 'Die Toten Hosen' blieben zurück – gemeinsam mit den Kassetten, dem Mädchen aus meiner Klasse und einigen Frisuren, deren Existenz ich heute nur noch unter erheblichem Druck bestätigen würde.
Vollständig verschwunden ist die Band für mich aber trotzdem nie. Dafür war ihre Musik bereits zu tief eingesickert. Ich kannte weiterhin die großen Lieder und bekam mit, wenn ein neues Album erschien, verfolgte die Veröffentlichungen dann aber nicht mehr vollständig. 'Die Toten Hosen' waren halt noch da, nur eben nicht mehr meine Hosen. Das klingt merkwürdiger, als es gemeint ist. Während für mich andere Musik wichtiger wurde, entwickelten sich die 1982 in Düsseldorf gegründeten 'Die Toten Hosen' vom Punkrock-Chaos der frühen Jahre zu einer der erfolgreichsten deutschen Rockbands – ohne ihren Hang zu großen Refrains, klarer Haltung und gelegentlicher Selbstüberschätzung vollständig abzulegen.
Und nun sitze ich Jahrzehnte später vor 'Trink Aus! Wir Müssen Gehen!', jenem Werk, das 'Die Toten Hosen' selbst als ihr letztes reguläres Studioalbum angekündigt haben. Neun Jahre nach 'Laune Der Natur' enthält es 16 neue Stücke und wird durch 'Alles Muss Raus!' ergänzt, ein Bonusalbum mit 25 gemeinsam mit Freunden und Weggefährten eingespielten Coverversionen. Ein vollständiges Ende der Band ist damit allerdings nicht automatisch angekündigt. Ein bisschen fühlt sich diese Begegnung für mich wie ein Klassentreffen an. Man erkennt einander sofort wieder, freut sich ehrlich und versucht gleichzeitig unauffällig auszurechnen, wie erschreckend viel Zeit seit dem letzten richtigen Kontakt vergangen ist. Nur das Mädchen von damals ist nicht da. Vermutlich besser so.
Die gute Nachricht zuerst: 'Trink Aus! Wir Müssen Gehen!' klingt nicht wie eine musikalische Trauerfeier, bei der fünf Männer mit gesenktem Kopf zum Ausgang schlurfen. Die Band steht zwar bereits mit dem Mantel im Flur, dreht sich aber noch einmal um, stellt die Anlage lauter und erklärt, dass für ein letztes Lied wohl noch genügend Zeit sein müsse. Das Album ist erfreulich lebendig, kräftig und deutlich weniger wehmütig, als sein Abschiedsthema vermuten lässt. 'Die Toten Hosen' versammeln darauf nahezu alles, was ihren Sound über Jahrzehnte geprägt hat: schnellen Punkrock, breite Gitarren, nach vorne drängende Rhythmen, politische Wut, nachdenkliche Rückblicke und jene großen Refrains, die bereits beim ersten Durchlauf vertraut wirken. Eine musikalische Revolution findet nicht statt. Niemand wird nach diesem Album verwundert ausrufen: „Interessant, jetzt haben sie also doch noch den mongolischen Kehlkopfgesang für sich entdeckt.“ Die Band weiß sehr genau, was sie kann. Noch wichtiger: Sie weiß, was sie besser bleiben lässt.
Die Gitarren von 'Kuddel' und 'Breiti' stehen breit im Raum und schieben die Musik mit Kraft nach vorne. Der Bass von 'Andi' sorgt für einen kräftigen Unterbau, während 'Vom Ritchie' die Stücke direkt und schnörkellos antreibt. Der Sound ist sauber und modern, aber nicht klinisch. Der Schmutz der frühen Jahre wurde weitgehend aus den Ecken gewischt. Einige Flecken hat man glücklicherweise übersehen. Früher wirkten manche Lieder von 'Die Toten Hosen', als könnten sie jeden Moment auseinanderfallen. Heute klingt selbst das Auseinanderfallen vermutlich vorher ordentlich geprobt. Dadurch geht ein Teil der alten Unberechenbarkeit verloren. Dafür besitzt das Album eine geschlossene Wucht. Wenn die Band das Tempo anzieht, drückt die Musik kräftig nach vorne und schiebt die Beine beinahe automatisch in Richtung Bewegung. Und ja, das macht Spaß.
Das ist dann allerdings kein hektischer Punkrock mehr. Die Energie wirkt kontrollierter und souveräner. Die Band rast nicht blind los, sondern kennt inzwischen jede Kurve. Ein kleiner Ausflug in den Straßengraben wäre manchmal durchaus reizvoll gewesen, doch selbst auf den bekannten Strecken ist noch genügend Geschwindigkeit vorhanden. Im Zentrum des Albums steht – na klar – die Stimme von 'Campino'. Sie klingt älter, rauer und gelegentlich brüchiger als früher. Genau das passt aber, wie ich finde. Ein künstlich geglätteter Gesang hätte die Themen unglaubwürdig gemacht. Man hört die vergangenen Jahrzehnte, die Konzerte und das Leben zwischen den Zeilen. 'Campino' versucht auch nicht, wieder wie der junge Sänger aus den Achtzigern zu klingen. Er singt aus der Perspektive eines Mannes, der auf eine ungewöhnlich lange gemeinsame Geschichte zurückblickt. Das klingt nicht immer schön, aber fast immer ehrlich.
Gerade in den nachdenklichen Momenten entsteht dadurch eine Wärme, die mich überraschend stark erreicht hat. Die Melancholie wirkt nicht kalt oder hoffnungslos. Sie gleicht eher dem Blick in einen Raum, in dem nach einer langen Feier bereits einige Stühle hochgestellt wurden. Noch läuft Musik, aber allen ist bewusst, dass der Abend nicht unbegrenzt weitergehen kann. Genau darin liegt die zentrale Stärke von 'Trink Aus! Wir Müssen Gehen!': Das Album trauert nicht nur um das Ende, sondern feiert die gemeinsame Zeit davor. Es ist meiner Meinung nach nicht das beste Album von 'Die Toten Hosen'. Dafür ist es an einigen Stellen zu vertraut, zu glatt und zu sehr mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt. Aber es könnte sehr wohl das richtige letzte Album sein.
Musikalisch bewegt sich die Band zwischen Punkrock und großem, melodischem Gitarrenrock. Die härteren Passagen besitzen Biss, die ruhigeren geben den Texten Raum. Dazwischen stehen jene typischen Hosen-Hymnen, die sofort verständlich sind und bereits nach wenigen Minuten zum Mitsingen einladen. Natürlich erkennt man häufig den Mechanismus. Ein zurückhaltender Beginn wächst an, das Schlagzeug öffnet sich, die Gitarren werden breiter und 'Campino' hebt die Stimme. Spätestens jetzt sucht im Publikum vermutlich irgendjemand die Taschenlampenfunktion seines Mobiltelefons. Man weiß genau, welcher emotionale Knopf gedrückt wird. Er funktioniert trotzdem. Das gehört eben auch zu den größten Fähigkeiten von 'Die Toten Hosen'. Die Band kann einen Refrain so bauen, dass man die Konstruktion beinahe vor sich sieht. Trotzdem trägt das Ding – meist nicht nur die Musiker, sondern gleich ein vollständiges Stadion. An den stärksten Stellen verbindet das Album Kraft und Melancholie. Die Rhythmen treiben vorwärts, während die Texte zurückblicken. Der Körper möchte sich bewegen, während der Kopf bereits bei früheren Jahren, verlorenen Menschen und verpassten Gelegenheiten angekommen ist.
Inhaltlich geht es um Freundschaft, Herkunft, Zusammenhalt, Verluste, gesellschaftliche Verantwortung und die Frage, wann der richtige Moment gekommen ist, etwas loszulassen. Die Texte wirken dabei selten resigniert. Selbst wenn sie sich mit Abschied und Vergänglichkeit beschäftigen, bleibt genügend Trotz erhalten. Nach mehr als vier Jahrzehnten Bandgeschichte gibt es freilich auch reichlich Stoff, und 'Die Toten Hosen' greifen beherzt hinein. Die eigene Vergangenheit ist ständig anwesend. Manchmal wird diese Rückschau etwas zu ausführlich. Dann fühlt man sich wie bei einem langen Abend mit alten Freunden, an dem nach dem dritten Bier erneut dieselben Geschichten erzählt werden. Man kennt die Pointe, hört aber trotzdem zu und lächelt, weil man eben die Menschen mag.
Für langjährige Fans dürfte genau darin ein wesentlicher Reiz liegen. Wer die Band nur oberflächlich kennt, könnte sich hingegen gelegentlich wie ein verspäteter Gast bei einer privaten Familienfeier fühlen. Alle lachen über eine Geschichte aus dem Jahr 1987, während man selbst freundlich nickt und nicht weiß, wer damals den Schlüssel verloren hatte. Mich stört die Selbstbetrachtung weniger, als ich erwartet hatte. Ein letztes Studioalbum darf zurückblicken. Dennoch hätten einige Gedanken knapper ausfallen können. Auf den schwächeren Abschnitten verlässt sich die Band zu stark auf Routine, Pathos und die emotionale Wirkung ihrer eigenen Geschichte. Das stört, fällt angesichts des insgesamt starken Albums aber nicht allzu schwer ins Gewicht. Zur reinen Selbstbeweihräucherung gerät das Album trotzdem nicht. Dafür gehen 'Die Toten Hosen' offen genug mit dem Älterwerden, Verlusten und der eigenen Endlichkeit um. Sie müssen nicht mehr beweisen, dass sie die wildeste Truppe im Proberaum sind. Entscheidend ist, dass sie weiterhin wie eine Band klingen – und nicht wie fünf ehemalige Kollegen, die sich für ein Jubiläumsfoto nebeneinanderstellen mussten.
Auch die politische Haltung ist weiterhin deutlich vorhanden. 'Die Toten Hosen' beziehen Stellung gegen gesellschaftliche Verhärtung, Gleichgültigkeit und Rechtsruck. Die Texte sind direkt und selten verschlüsselt. Wer sieben Bedeutungsebenen und feinste sprachliche Andeutungen erwartet, sucht bei dieser Band ohnehin seit Jahrzehnten im falschen Regal. 'Die Toten Hosen' flüstern ihre Meinung nicht diskret ins Ohr. Sie schreiben sie auf ein Schild, stellen einen Verstärker daneben und fragen, ob es auch die hinterste Reihe verstanden hat. Das wirkt gelegentlich plakativ, gehört aber eben auch zur Band. Gerade auf einem Abschiedsalbum wäre es leicht gewesen, sich nur auf ungefährliche Themen wie Freundschaft und die gute alte Zeit zurückzuziehen. Stattdessen bleibt die Haltung Teil der Musik. Das gefällt mir.
Am stärksten ist das Album für mich, wenn politische Klarheit, persönliche Erinnerung, Wut und Melancholie selbstverständlich ineinanderfließen. Genau diese direkte Sprache hatte mich bereits als Jugendlichen angesprochen. Sie formulierte Dinge, die ich selbst nicht aussprechen konnte. Damals ging es um die nahezu unüberwindbare Aufgabe, ein Mädchen mit einem einfachen „Hallo“ anzusprechen. Heute geht es um Abschiede und die Erkenntnis, dass manche Türen nicht für immer offen bleiben. Die Themen haben sich eben verändert. Das Prinzip ist geblieben. Und genau hier schließt sich der Bogen zwischen der alten Kassette und dem neuen Album. 'Trink Aus! Wir Müssen Gehen!' versucht nicht, mich wieder in den Jungen auf dem Schulhof zu verwandeln. Das würde auch kaum funktionieren. Der Pullover wäre heute vermutlich deutlich zu eng. Stattdessen begegnet mir die Band dort, wo sie selbst inzwischen steht: älter, nachdenklicher und gelegentlich sentimental, aber noch immer mit genügend Wut und Energie, um nicht vollständig vernünftig zu werden. Das macht die Platte auch für jemanden interessant, der – wie ich – nach 'Kauf Mich!' weitgehend ausgestiegen ist. Das Album verlangt keine lückenlose Mitgliedschaft im Fanclub. Es öffnet für diesen letzten gemeinsamen Abend noch einmal die Tür, und erstaunlich vieles fühlt sich sofort vertraut an.
Vor allem macht die Platte Spaß. Sie besitzt Tempo, Druck und genügend Lebensfreude, um nicht wie eine vertonte Traueranzeige zu wirken. Die schnellen Passagen ziehen mit, die großen Melodien setzen sich fest und die ruhigeren Momente verhindern, dass alles zu einer einzigen Stadionzugabe wird. Nach dem Hören bleibt deshalb nicht nur Wehmut. Es bleibt auch das Bedürfnis, die Musik noch einmal lauter zu stellen und mitzusingen, obwohl man die neuen Texte noch nicht vollständig kennt. 'Alles Muss Raus!' verlängert den Abschied mit 25 Coverversionen und zahlreichen Gästen erheblich. Dieser zweite Teil wirkt weniger wie ein geschlossenes Album als wie die Feier nach dem eigentlichen Schlusswort. Nicht jede Begegnung funktioniert gleich gut, doch gerade die stilistische Unordnung besitzt Charme. Zusammen umfassen Haupt- und Bonusalbum 41 Stücke. Das ist mehr Abschied, als ein normaler Mensch an einem Abend verarbeiten kann. Eine knappe und zurückhaltende Verabschiedung hätte zu 'Die Toten Hosen' allerdings ohnehin nicht gepasst.
Unterm Strich ist 'Trink Aus! Wir Müssen Gehen!' ein würdiger Abschluss der regulären Studioarbeit von 'Die Toten Hosen'. Das Album besitzt genügend Energie, um nicht als nostalgische Pflichtveranstaltung durchzugehen. Es ist nicht frei von Schwächen: Einige Melodien sind vorhersehbar, und manche Rückblicke hätten knapper ausfallen dürfen. Wer 'Die Toten Hosen' schon seit Jahren für zu glatt oder zu groß hält, wird durch dieses Album kaum umgestimmt. Doch die Platte klingt nie lustlos. Selbst in den schwächeren Momenten hört man eine Band, die geschlossen zusammenspielt und ihren Abschied selbst gestalten möchte.
Für langjährige Fans ist die Veröffentlichung ohnehin unverzichtbar. Wer mit 'Die Toten Hosen' aufgewachsen ist, Kassetten getauscht, CDs gesammelt oder bei Konzerten seine Stimme irgendwo zwischen Bühne und Bierstand verloren hat, wird sich dem emotionalen Gewicht kaum entziehen können. Auch Freunde von melodischem Punkrock, deutschsprachigem Gitarrenrock, großen Refrains und deutlich formulierter gesellschaftlicher Haltung dürften viel Freude haben. Weniger geeignet ist das Album für Menschen, die bei Stadionhymnen nervöse Ausschläge bekommen, mit der Stimme von 'Campino' grundsätzlich nicht zurechtkommen oder beim ersten Anzeichen von Pathos sofort den Fluchtweg suchen. Punk-Puristen, die der Band ihren Erfolg seit vier Jahrzehnten persönlich übel nehmen, werden ebenfalls nicht mehr bekehrt. 'Die Toten Hosen' haben kurz vor Schluss nicht plötzlich beschlossen, wieder ausschließlich in einer Garage für sieben Personen und einen schlecht gelaunten Hund zu spielen.
Mich erreicht das Album stärker, als ich erwartet hatte. Nicht nur wegen der neuen Musik, sondern weil alte Musik niemals ausschließlich alt bleibt. Sie trägt Menschen, Orte und Situationen mit sich herum. Bei mir sind das ein Schulhof, eine getauschte Kassette und ein Mädchen, das nie erfahren hat, dass es über Jahre die weibliche Hauptrolle in einer außerordentlich dramatischen inneren Liebesgeschichte spielte. 'Die Toten Hosen' lieferten den Soundtrack. Ich lieferte das Schweigen. Die Aufgabenverteilung war eindeutig. Dass ich die Band später aus den Augen verlor, macht die Rückkehr sogar interessanter. Ich höre das Album nicht als bedingungsloser Anhänger, sondern als jemand, für den diese Musik einmal sehr wichtig war und der nun noch einmal durch die Tür schaut, weil drinnen offenbar der letzte gemeinsame Abend begonnen hat.
Für eine Weile stehen sie wieder gemeinsam im Raum: die Kassetten, die alten Texte, die erste unerfüllte Liebe und diese Band aus Düsseldorf, die damals Dinge aussprach, für die mir selbst die Worte fehlten. Vielleicht hätte ich das Mädchen einfach ansprechen sollen. Andererseits hätte sie Nein sagen können. So blieb wenigstens die große Tragödie erhalten – und mit ihr ein paar Lieder, die bis heute im Kleinhirn wohnen. 'Trink Aus! Wir Müssen Gehen!' ist ein kraftvoller, warmherziger und passender Abschied. Für diese letzte Runde bin ich gerne noch einmal zurückgekommen. Wertung: 4,5 von 5 nie übergebenen Liebesbriefen.
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