Es gibt Bands, die finden ihren Stil und andere, die sich darin gemütlich einrichten. 'Death In June' stellen auf 'Nada!' aber lieber eine Drum-Machine neben die Akustikgitarre und schauen, welches der beiden Geräte zuerst eine Sinnkrise bekommt. Das schon im Jahr 1985 veröffentlichte Album gehört zu jener spannenden Phase, in der sich die britische Formation von ihren Post-Punk-Wurzeln entfernt und ihren späteren Neofolk-Sound entwickelt - und deshalb wollen wir hierzu auch einen Review nachziehen. Wer hier deshalb ausschließlich karge Gitarrenlieder erwartet und das Release noch nicht kennt, dürfte allerdings überrascht sein: Hier hat die Schwermut stellenweise einen ausgesprochen brauchbaren Tanzschritt.
Entstanden war die Band 1981 um 'Douglas Pearce', 'Tony Wakeford' und 'Patrick Leagas'; 'Pearce' und 'Wakeford' hatten zuvor bei der Punkband 'Crisis' gespielt. Bei 'Nada!' war 'Wakeford' aber bereits ausgeschieden. Prägend sind hier nun vor allem 'Pearce' und 'Leagas', während unter anderem 'David Tibet' zum Kreis der Beteiligten gehört. Das macht die Platte zu einem spannenden Dokument des Umbruchs: Der spätere musikalische Weg zeichnet sich bereits ab, aber noch stehen mehrere Türen offen. Zum Glück. Denn gerade die Reibung zwischen akustischer Melancholie und elektronischer Bewegung ist für mich hier ihr größter Reiz.
Die elektronische Seite besitzt dann auch eine unverkennbare Achtzigerjahre-Handschrift. Starre Drum-Machine-Rhythmen, wiederkehrende Sequenzen und kühle Synthesizer bestimmen hier das Bild. Das hat etwas Mechanisches, bleibt aber sogar heute noch erstaunlich eingängig. Die Musik bewegt sich irgendwo zwischen düsterem Synth-Pop, Dark Wave und industriell gefärbter Rhythmik, ohne ständig mit maximaler Härte beeindrucken zu wollen. Ihre Wirkung entsteht eher durch Beharrlichkeit: Ein Motiv setzt sich fest, der Rhythmus läuft weiter, und allmählich wird aus Bewegung ein Sog. Die Tanzfläche ist geöffnet; gute Laune wurde offenbar nicht mitbestellt.
Auf der akustischen Seite wird der Raum enger und die Stimmung persönlicher. Schlichte Gitarrenfiguren tragen einen ernsten, getragenen Gesang, während Trompeten und martialische Perkussion dem Ganzen eine feierliche, mitunter bedrohliche Kontur geben. Das klingt nach Abschied und innerer Erstarrung, zugleich aber nach einem eigentümlichen Bedürfnis, dieser Leere noch eine Melodie abzuringen. Besonders überzeugend finde ich, dass die sparsamen Mittel nicht automatisch zu belanglosen Arrangements führen. Die Gitarre schafft Nähe, die übrigen Klangfarben unterlaufen diese Vertrautheit. Behaglich wird es dabei selten.
Auch die unterschiedlichen Stimmen tragen zu dieser Spannung bei. 'Douglas Pearce' klingt in den getragenen Passagen tief, zurückgenommen und resigniert; 'Patrick Leagas' setzt mit seinem markanten Bariton stärker auf dramatischen Ausdruck. Während der eine die Melancholie beinahe nüchtern vorträgt, gibt der andere ihr mehr Nachdruck und Bewegung. Diese Gegenüberstellung ist keine starre Rollenverteilung, macht aber verständlich, warum das Album trotz seiner reduzierten Mittel verschiedene emotionale Schattierungen besitzt.
Zusammengehalten wird 'Nada!' von einer düsteren Grundstimmung, die auch die Texte prägt. Verlust, Verzweiflung, Tod und Gewalt begegnen einem in fragmentarischen, teils rätselhaften Bildern. Die Worte liefern selten eine bequem nachvollziehbare Geschichte; sie verdichten das Gefühl von Bedrohung und Verfall. So bleibt die Welt dieser Platte erkennbar dieselbe, ob gerade eine Gitarre oder eine Maschine den Ton angibt. Entscheidend ist für mich allerdings die melodische Substanz. Dunkle Atmosphäre allein bekommt man schließlich auch im Keller, wenn die Sicherung rausfliegt. 'Nada!' bietet darüber hinaus Songs mit Wiedererkennungswert. Die Eingängigkeit nimmt der Musik ihre Beklemmung nicht; sie macht sie zugänglicher und damit teilweise noch wirksamer. Gerade die einprägsamen Melodien sorgen dafür, dass seine düstere Wirkung über den bloßen Stimmungseffekt hinausgeht. Es kann unmittelbar ansprechen und trotzdem eine unangenehme Spannung behalten.
Die Grenzen dieser Musik liegen für mich eher in ihrer beharrlichen Wiederholung und ihrem feierlichen Ernst. Die Arrangements setzen vielfach auf wiederkehrende Figuren statt auf große Entwicklungen; wer Abwechslung vor allem innerhalb eines Songs sucht, braucht entsprechend Geduld. Der feierliche Vortrag ist für mich dort am überzeugendsten, wo eine starke Melodie seine Schwere auffängt; für sich allein trägt das Pathos weniger weit. Die schlichten elektronischen Klangfarben gehören dagegen zum Charakter der Platte. Ihr Alter allein ist für mich kein musikalischer Mangel.
Ein weiterer Vorbehalt betrifft die Bildsprache und die historischen Bezüge von 'Death In June'. Die Verwendung von NS-Symbolik lässt sich nicht einfach als dekorative Düsternis abtun. Auf 'Nada!' verweist 'C’Est Un Rêve' ausdrücklich auf den NS-Verbrecher 'Klaus Barbie'. In einer späteren Erklärung deutete 'Pearce' diesen Bezug als Sinnbild für das im Menschen mögliche Täterpotenzial. Diese Selbstauslegung beseitigt die problematische Mehrdeutigkeit der Darstellung jedoch nicht. Mich überzeugt es nicht, solche Bezüge allein mit dem Hinweis auf Provokation abzuräumen. Die musikalischen Qualitäten der Platte machen diese Frage nicht bedeutungslos.
Als Anspieltipp bietet sich 'The Calling (Mk II)' an: Die elektronischen Sequenzen und der drängende Maschinenrhythmus zeigen besonders deutlich, wie weit diese Platte über das übliche Bild einer akustischen Neofolk-Veröffentlichung hinausgeht. Wer die andere Seite kennenlernen möchte, findet mit 'The Honour Of Silence' einen ebenso aussagekräftigen Zugang zu ihrer getragenen, gitarrenbetonten Melancholie. Für mich ist 'Nada!' weit mehr als ein Dokument des stilistischen Umbruchs: Seine Melodien und die Spannung zwischen elektronischer Kälte und akustischer Nähe tragen das Album auch unabhängig von seiner historischen Bedeutung. Fans von Dark Wave, düsterem Synth-Pop und frühem Neofolk finden hier einen vielseitigen, eindringlichen Zugang zur Band. Wer wenig mit Wiederholungen und feierlichem Pathos anfangen kann, dürfte schwerer Zugang finden. Die problematischen historischen Bezüge bleiben ein ernst zu nehmender Vorbehalt. Der Titel verspricht nichts. Musikalisch ist dann doch ziemlich viel drin.