Das Wochenende ist bei uns ja inzwischen sowas wie die inoffiziell Zeit für alte Releases, denen wir bislang keine eigene Rezension gegönnt haben. Andere Menschen gehen da vielleicht gemütlich essen. Wir holen zwei verschwitzte Männer und einen schlecht gelaunten Synthesizer aus dem Archiv. Heute also: 'DAF' und 'Alles Ist Gut'. Ein Albumtitel mit der beruhigenden Glaubwürdigkeit einer Durchsage im steckengebliebenen Aufzug. Die aus der Düsseldorfer Punkszene hervorgegangene 'Deutsch Amerikanische Freundschaft' hatte schließlich wenig Interesse daran, irgendjemanden behutsam ins Wochenende zu begleiten. 'Gabi Delgado-López' und 'Robert Görl' wollten eine eigene musikalische Sprache entwickeln. Dass sich dazu hervorragend tanzen ließ, machte die Sache keineswegs harmloser.
Das 1981 bei Virgin veröffentlichte dritte Album markiert die Verdichtung auf jene Zweierbesetzung, die das Bild von 'DAF' entscheidend prägen sollte. Die Aufnahmen entstanden von Dezember 1980 bis Januar 1981 bei 'Conny Plank'. Nach den experimentellen früheren Veröffentlichungen wurde das Instrumentarium radikal zusammengestrichen: elektronische Sequenzen, Schlagzeug, Stimme. Was auf dem Papier nach einer finanziell schwierigen Bandprobe aussieht, entwickelte enorme Durchschlagskraft. 'Alles Ist Gut' wurde zu einem Schlüsselwerk für die Entwicklung von EBM und zu einem wichtigen Bezugspunkt für spätere elektronische Tanzmusik.
Die Reduktion war eine bewusste Entscheidung. 'Robert Görl' beschrieb später, wie wichtig die damals erschwinglich werdenden Sequenzer für den Abschied von der herkömmlichen Bandbesetzung waren. Gesucht wurde eine harte, eigenständige Elektronik, verbunden mit der Muskelkraft eines echten Schlagzeugs. Selbst eine großartige Sequenz konnte wieder verworfen werden, wenn sie zu sehr an bereits existierende Musik erinnerte. Eine bemerkenswerte Arbeitsmoral: Andere Bands hätten aus solchen Resten vermutlich noch drei Singles und eine Jubiläumsedition gebaut.
Das Ergebnis besitzt bis heute eine eigentümliche körperliche Präsenz. Die elektronischen Bassfiguren drängen nach vorne und entwickeln aus beharrlicher Wiederholung und kleinen Verschiebungen erstaunlich viel Spannung. Darüber setzt 'Görl' ein trockenes, kantiges Schlagzeug, dessen Anschläge der Musik etwas Handfestes geben. Die Sequenzen ziehen ihre Bahnen, während die Drums sie antreiben und aufrauen. Für mich liegt genau darin die große Stärke des Albums: Mit wenigen Mitteln füllt es einen Raum vollständig aus. Kaum etwas lenkt ab, jeder Einsatz bleibt spürbar. Die Härte entsteht aus dieser Konzentration. Dass die Synthesizer so schroff und greifbar wirken, verdanken sie auch 'Conny Plank'. Wie die Musiker später erzählten, schickte er die elektronischen Klänge zusätzlich durch Gitarrenverstärker und nahm sie mit Mikrofonen ab. So bekamen sie mehr Körper und ließen sich mit dem Schlagzeug verbinden. Die Elektronik wirkt dadurch räumlich, schmutzig und gelegentlich beinahe überlastet. Man möchte die Geräte nach dem Abspielen vorsichtshalber erst abkühlen lassen.
'Gabi Delgado-López' macht diese Strenge zu einer ausgesprochen sinnlichen Angelegenheit. Seine Stimme fordert, lockt, droht und kostet einzelne Wörter aus. Die kurzen deutschen Texte sitzen unmittelbar auf dem Rhythmus; Silben werden zu Impulsen, Wiederholungen zu körperlichen Aufforderungen. Hinter der demonstrativen Bestimmtheit stecken Begehren, Lust und eine reizvolle Unsicherheit darüber, wer hier eigentlich wen kontrolliert. Die Musik gibt sich diszipliniert und arbeitet gleichzeitig am Kontrollverlust. Dieser Widerspruch macht sie für mich aufregender als bloße Härte. Auch die Entstehung hatte viel mit Bewegung zu tun. Ihre damalige Arbeitsweise beschrieben die Musiker später als wechselseitigen Prozess: 'Görl' entwickelte Klänge und Sequenzen, 'Delgado' reagierte darauf mit Tanz und Textideen. 'Plank' erkannte den passenden Moment, um das Ergebnis festzuhalten. Bei den gemeinsamen Produktionen wurde nach 'Görls' Erinnerung zunächst die Elektronik aufgenommen, dann das Schlagzeug, schließlich der Gesang. Aus ausgiebiger Klangarbeit und unmittelbarer körperlicher Reaktion entstand jene Spannung, die auf der fertigen Platte noch immer greifbar ist.
Zur Faszination gehört allerdings auch das Unbehagen. 'DAF' spielten mit autoritärem Auftreten, Körperbildern und provokanten Begriffen. Besonders 'Der Mussolini' verlangt deshalb mehr Aufmerksamkeit als einen beiläufigen Hinweis auf den Klassikerstatus. 'Delgado' erläuterte später, wie aus einer tanzbaren Sequenz die Idee entstand, politische und religiöse Autoritätsfiguren in groteske Tanzanweisungen zu verwandeln. Für mich werden die großen Machtfiguren hier zu Personal einer absurden Tanzstunde. Dass diese Provokation auch anders verstanden werden kann, gehört allerdings zur Geschichte des Stücks. Die Erklärung der Musiker macht seine Wirkung nicht automatisch eindeutig.
Ganz ohne Grenzen funktioniert das Album für mich auch musikalisch nicht. In den besonders insistierenden Passagen stellt sich bei mir gelegentlich Gewöhnung ein. Die Wiederholung hält mich dann nicht mehr mit derselben Kraft fest wie zu Beginn. Ich bewundere die Konsequenz, wünsche mir stellenweise aber mehr rhythmische oder klangliche Überraschungen. Auch 'Delgados' bestimmender Vortrag lässt wenig Abstand zu. Die kurzen Gegenpole und weicheren Momente sind deshalb umso wertvoller: Sie geben der körperlichen Wucht eine andere Farbe.
Mein Anspieltipp ist 'Als Wär’s Das Letzte Mal'. Hier verbinden sich der drängende Rhythmus, die knappe elektronische Figur und 'Delgados' eindringliche Präsenz besonders überzeugend mit dem Gefühl von Begehren und Vergänglichkeit. Das Stück zeigt, wie viel emotionale Spannung diese reduzierte Musik entwickeln kann. Die körperliche Energie bekommt eine Richtung, die über das reine Antreiben hinausgeht. Genau dort packt mich das Album am stärksten.
Für mich ist 'Alles Ist Gut' ein herausragendes Album, dessen Energie bis heute unmittelbar ankommt. Das Zusammenspiel aus Sequenzen und Schlagzeug bleibt elektrisierend, die Produktion besitzt einen unverwechselbaren Charakter, und die erotische Unruhe verleiht der Strenge zusätzliche Spannung. Fans von EBM, Electropunk und kantiger elektronischer Musik finden hier einen wesentlichen Teil ihrer musikalischen Vorgeschichte – und ein Album, das weiterhin unmittelbar wirkt. Seine Geschlossenheit kann mich gelegentlich ermüden, seine Entschlossenheit begeistert mich noch immer. Für unser inoffizielles Wochenend-Spezial ist das ein ziemlich guter Fund: 45 Jahre alt und nach wie vor schwer zu ignorieren.
DAF - Alles Ist Gut
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