The Cure - Wish

The Cure - Wish

Heute gibt es mal wieder ein Klassik-Review. Wir schreiben das Jahr 1992. Das vermeintliche Meisterwerk Disintegration ist vor drei Jahren erschienen, und The Cure sind endgültig im Pop-Olymp angekommen – und das trotz aller Unkenrufe seitens des Labels, das befürchtete, Disintegration würde sich als Ladenhüter erweisen und der Band den Todesstoß versetzen.

Der olle Robert steckte nun in einem Dilemma: Er hatte die 30 überschritten und war immer noch am Leben. The Cure gab es ebenfalls noch – und sie waren erfolgreicher als je zuvor. Die Welt erwartete nun ein neues Album, das noch einen draufsetzt. Dabei war Smith voll von Erfahrungen und Eindrücken der letzten Jahre, in denen seine Band eine sagenhafte Karriere hingelegt hatte, die bereits mit dem gefälligen The Head on the Door erheblich an Fahrt aufgenommen hatte.

Wer nun vermutet, dass die zahlreichen Hits lediglich dazu dienten, die Hörerschaft vor den Kopf zu stoßen oder reine Zufallstreffer waren, der irrt gewaltig. Meiner Meinung nach war an Songs wie In Between Days, Close to Me, Why Can’t I Be You oder Just Like Heaven nichts zufällig – sie folgen allesamt auffallend demselben Muster. Und das sei der Band auch gegönnt, schließlich muss man von irgendetwas leben.

Mit Kiss Me Kiss Me Kiss Me fassten The Cure dann auch dauerhaft in Amerika Fuß und stiegen zu weltweiten Superstars auf. Im Nachhinein mutet daher die Behauptung des Cure-Frontmannes, er habe Disintegration aus einer tiefen Depression heraus geschrieben, einmal mehr wie eine seiner vielen Presse-Legenden an. Betrachten wir es nüchtern: Die Band war erfolgreicher denn je, hatte die stabilste Besetzung ihrer Geschichte, alle Möglichkeiten standen offen – und nicht zuletzt war Robert gerade frisch mit seiner Jugendliebe Mary vor den Traualtar getreten (eine Ehe, die bis heute hält). Also: Who the f*** glaubt da ernsthaft an eine tief depressive Phase?

Mit diesem zeitlichen Abstand muss ich Disintegration für mich daher relativieren. Zum einen stören mich inzwischen die vielen künstlichen Donner-, Scherben- und Klingeling-Samples, die Smith offenbar aus purer Freude an einer neu erworbenen Sample-CD eingebaut hat. Zum anderen sind viele Texte nicht wirklich gut gealtert. Zu viel Disintegration wirkt heute schlicht zu gefällig. Dass Lovesong ein Nummer-zwei-Hit in den USA wurde, überrascht ebenso wenig wie der inszenierte Skandal um Lullaby bei Top of the Pops. Beides wurde medial ausgeschlachtet und ließ The Cure in den Charts nur noch weiter nach oben klettern.

Heute ist Lullaby für mich ein Lied über einen Kerl, der von einer Spinne gefressen wird – warum auch immer. Der oft implizierte tiefere, doppeldeutige Sinn mag existieren, nimmt dem Song für mich jedoch nicht seine grundlegende Infantilität. Auch die übrigen Stücke wirken auf mich rückblickend eher unfertig und überschätzt. Disintegration ist kein schlechtes Album, aber für mich längst nicht mehr der düstere Meilenstein der Popgeschichte, als der er häufig gehandelt wird. Dafür ist es schlicht zu wenig selbstzerstörerisch oder entlarvend.

Lange Rede, kurzer Sinn: Das eigentliche Meisterwerk von The Cure – und für mich zugleich das Ende ihrer wirklich relevanten Alben – ist Wish. Warum ich das so empfinde, werde ich nun erläutern. Nehmt euch einen Drink und genießt es.

Es beginnt mit Open. Eine zunächst einladende Gitarrenhook verwandelt sich rasch in einen bedrohlichen Klangteppich, der nichts Beruhigendes mehr an sich hat. Smith erklärt hier, warum er es eigentlich hasst, überhaupt hier zu sein und eine Stimmung vorzutäuschen, die er nicht fühlt. Warum er all den oberflächlichen Menschen den Harlekin gibt, obwohl er lieber ganz woanders wäre. Eine ähnlich schonungslose Eröffnung bot zuvor nur Pornography, dessen erste Zeile proklamierte, dass es letztlich egal sei, wenn alle sterben.

Open beschreibt dieses unangenehme Gefühl derart treffend, dass man die Analogie zur Realität eines Popstars kaum übersehen kann. Wenn es doch nur so weiterginge. Doch nein – High zerstört diese Stimmung gnadenlos. Diese Vorabsingle war für mich schon damals unpassend und vergessenswert. Während die poppigen Cure-Songs früher stets eine makabre Ebene hatten, säuselt es hier nur noch: „Kauf mich, ich bin ein nettes Liedchen!“ Besonders banal wirkt High, wenn man bedenkt, dass direkt danach mit Apart einer der besten Cure-Titel überhaupt folgt.

Apart beschreibt das Gefühl zweier Menschen, denen die Liebe abhandengekommen ist und die sich nichts mehr zu sagen haben, so präzise, dass man jede Szene nachvollziehen kann. Eingebettet ist das Ganze in eine driftende, vor Traurigkeit triefende Musik. Allein dieser Song rechtfertigt den Kauf des Albums.

Zu From the Edge of the Deep Green Sea muss man kaum noch etwas sagen. Dieser Titel ist ein absolutes Brett und seit 1992 fester Bestandteil der Live-Sets. Er ist all das, was der Song Disintegration gern wäre. Formal ein Liebeslied, doch mit einem unterschwelligen Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Die Musik verstärkt dieses Unbehagen – gewollt oder nicht. Für mich erzeugt der Song ein wohlig ungutes Gefühl.

Wendy Time handelt von einer Begegnung mit einer Frau, die sich für den Nabel der Welt hält und Robert offenbar an die Wäsche wollte. Smith macht im Text unmissverständlich klar, was er davon hält: Er schmeißt sie raus und erklärt ihr, dass sie ihm nichts bedeutet. Die Melodie ist eingängig, der Synth im Hintergrund fast hypnotisch.

Mit Doing the Unstuck kehrt erneut Ärger ein. Der Song schreit förmlich: „Ich will Just Like Heaven sein!“ Doch während jener Titel eine wunderbare Liebeserklärung war, verkündet Doing the Unstuck lediglich, dass man alles erreichen kann, wenn man fröhlich hüpft. Sorry – das passt weder zum Album noch zur Band.

Danach folgt Friday I’m in Love. Ja, ein Megahit. Aber auch ein derart banales Popnümmerchen, dass es fast lächerlich wirkt – geschrieben von einem der größten Antihelden des Popbusiness. Angeblich entstand der Song während einer Autofahrt zum Studio. Es gibt Tage, da wünschte ich, Smith hätte niemals den Führerschein gemacht.

Und wieder folgt auf Belanglosigkeit ein Meisterwerk: Trust. Dieser Song war unser Hochzeitslied, und wir haben den Titel in unsere Eheringe gravieren lassen. Wenn man denkt, Pictures of You oder Lovesong seien Liebeslieder – vergesst es. Trust ist das ultimative Liebeslied. Schlicht, ehrlich, getragen. Der Text sagt: Es gibt nichts mehr außer dem anderen. Wenn das endet, endet alles. Banal? Vielleicht. Aber gerade darin liegt seine Größe.

A Letter to Elise schlägt thematisch in dieselbe Kerbe, muss sich nach Trust jedoch geschlagen geben. Als Überleitung funktioniert der Song dennoch hervorragend.

Cut schlägt uns anschließend wieder brutal ins Gesicht. Hintergrund: Kurz nach Disintegration musste Smiths Langzeitfreund und Bandmitglied Lawrence Tolhurst die Band verlassen. Zur Zeit von Wish tobte ein erbitterter Rechtsstreit um Tantiemen. In Cut lässt Smith keinen Zweifel daran, was er von Tolhurst und dessen Verhalten hält.

To Wish Impossible Things leitet ruhig und versöhnlich das Finale ein. Erinnerungen an die schönen Dinge, ohne Groll. Manche Wünsche erfüllen sich nicht – und das ist okay. Doch dann kriecht End um die Ecke: Dreckig, verzweifelt, flehend. Smith hat alles gesehen, alles erreicht, nichts kommt mehr. Wenn es je einen perfekten Punkt gegeben hätte, mit der Band aufzuhören – dies wäre er gewesen.

Doch wir wissen: Es kam anders.

Nach der Prayer Tour war die Band am Ende. Das einstige Gefüge zerfiel, Mitglieder standen vor dem Ausstieg. Als Randnotiz: Boris Williams ist schuld daran, dass Friday I’m in Love auf dem Album landete – während der deutlich bessere The Big Hand kurz vor Veröffentlichung gestrichen und als B-Seite verheizt wurde. Überhaupt hätten die B-Seiten das Potenzial gehabt, Wish zu einem noch düstereren Meilenstein zu machen.

Tauscht man High gegen This Twilight Garden, Doing the Unstuck gegen Scared as You und Friday I’m in Love gegen The Big Hand, erhält man für mich das perfekte Album.

Im Gegensatz zu Disintegration war Smith bei Wish tatsächlich deprimiert. Abseits der Chart-Popsongs schreit hier alles: „Hilf mir, hol mich hier raus!“ Und genau daraus entstanden einige der ehrlichsten und besten Songs, die The Cure je geschrieben haben.

Wish zeigt The Cure auf dem Höhe- und zugleich Tiefpunkt ihrer Karriere: direkt, erwachsen, ehrlich. Für mich ist es nicht nur ihr bestes Album, sondern auch das Ende ihrer großen Zeit. Meine Version existiert – dank digitalem Zeitalter – bereits. Und ich hoffe, dass das Album im Jubiläumsjahr noch einmal remastert erscheint. Denn so groß es ist: Die ursprüngliche Abmischung ist leider zu flach und breiig.

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