Es gibt Bands, die verschwinden nie richtig. Sie stehen nur eine Weile nicht im Licht, rücken ein paar Schritte nach hinten, lassen andere mit hektisch blinkenden Geräten herumwedeln und melden sich dann irgendwann zurück, als hätten sie nur kurz den Mantel geholt. 'Culture Kultür' gehören meiner Ansicht nach genau in diese Kategorie. Die spanische Formation aus Málaga ist schon seit den frühen 90ern aktiv, hat sich über die Jahre vom elektronischen Underground in Richtung Synthpop, EBM und Futurepop bewegt und gehört zu jenen Namen, die in der Szene zwar nicht jeden Frühstückstisch zieren, aber bei Kennern sofort ein zustimmendes Nicken auslösen.
Mit 'Atomic' erscheint nun das erste neue Studioalbum seit 'Humanity' aus dem Jahr 2019. Dazwischen lag mit 'Time' zwar bereits ein Rückblick auf die eigene Geschichte, aber 'Atomic' ist kein nostalgisches Fotoalbum mit leicht vergilbten Rändern. Es ist eher der Versuch, die alte Futurepop-Maschine noch einmal hochzufahren, den Staub aus den Lüftungsschlitzen zu pusten und zu schauen, ob das Ding noch genug Druck für die Tanzfläche hat. Kleine Vorwarnung: Hat es Musikalisch bewegen sich 'Culture Kultür' auf 'Atomic' genau dort, wo man sie haben möchte: melodisch, elektronisch, tanzbar, melancholisch, aber nie so schwer, dass man beim Hören sofort eine Selbsthilfegruppe für Synthesizer eröffnen müsste. Die Beats sind sauber gesetzt, die Refrains greifen, die Produktion klingt rund und angenehm groß, ohne sich in überproduzierter Plastikglätte zu verlieren. Das Album hat diesen typischen Futurepop-Zug nach vorne: Man spürt die Clubnähe, man hört die dunklere Elektropop-Schule, und gleichzeitig bleibt genug Gefühl übrig, damit das Ganze nicht bloß als Fitnessprogramm für Menschen in Schwarz endet.
Besonders stark ist, wie souverän 'Culture Kultür' mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehen. 'Atomic' klingt nicht nach einem verzweifelten Versuch, 2026 plötzlich besonders jung, besonders hip oder besonders algorithmusfreundlich zu wirken. Zum Glück. Dafür ist die Band zu erfahren und vermutlich auch zu stilsicher. Stattdessen bekommt man hier Futurepop mit Haltung: große Melodien, klare Strukturen, ein ordentlicher Schub Clubenergie und diese bittersüße Grundfarbe, bei der man nie ganz sicher ist, ob man tanzen oder erst einmal aus dem Fenster schauen möchte. Idealerweise macht man beides, aber bitte nicht gleichzeitig, wenn das Fenster offen ist. Die schon erschienen Reviews auf anderen Seiten liegen mit ihrer Einschätzung dann auch ziemlich richtig: 'Atomic' erfindet das Genre nicht neu. Das muss es aber auch gar nicht. Nicht jedes Album muss sofort mit einem brennenden Manifest in der Hand durch die Haustür treten. Manchmal reicht es, wenn eine Band sehr genau weiß, was sie kann, und daraus ein starkes, geschlossenes Werk baut. Genau das passiert hier. Die Songs wirken eingängig, hymnisch, emotional und clubtauglich, ohne peinlich auf Refrain-Gigantismus zu setzen. 'Salva Maine' wird in den Reviews nicht ohne Grund hervorgehoben: Die Stimme scheint hier ein wichtiger Anker zu sein, weil sie dem elektronischen Fundament nicht nur Glanz, sondern auch Dringlichkeit gibt.
Thematisch passt der Albumtitel ebenfalls erstaunlich gut. 'Atomic' klingt nicht nach gemütlicher Synthpop-Tapete für den Sonntagnachmittag, sondern nach einer Welt, die sich zwar längst selbst eine Rechnung geschrieben hat, aber trotzdem noch tanzt, bevor der Strom ausfällt. Postapokalyptische Bilder, Krisengefühl, menschliche Verbindung, Melancholie, Überleben im elektronischen Takt: Das alles kann schnell furchtbar bedeutungsschwanger werden. Bei 'Culture Kultür' scheint daraus aber kein schwerfälliger Endzeitklumpen zu entstehen, sondern ein Album, das die Dunkelheit kennt und ihr trotzdem eine Discokugel ins Gesicht hält. Das ist sympathisch. Und ehrlich gesagt auch sinnvoller, als sich nur mit traurigem Blick neben den Synthesizer zu stellen. Meine persönliche Einschätzung: 'Atomic' wirkt für mich wie ein Album, das vor allem deshalb überzeugt, weil es eben nichts neu erfinden muss. Es rennt hier keinem Trend hinterher, es verkleidet sich auch nicht als neu erfundene Sensation und es tut auch nicht so, als sei Futurepop gerade erst in einem Labor in Málaga entdeckt worden. Stattdessen liefert es genau das, was man eben von einer erfahrenen Band erwarten darf: starke Melodien, emotionale Elektronik, gute Tanzbarkeit und genug Szene-Charme, um nicht nach steriler Retro-Verwaltung zu klingen. Wer bei Namen wie 'VNV Nation', 'Apoptygma Berzerk', 'Covenant' oder eben älteren 'Culture Kultür' nicht innerlich die Nebelmaschine startet, dürfte sich - denke ich - auf 'Atomic' ziemlich schnell zuhause fühlen.
Im Fazit ist 'Atomic' ein starkes Lebenszeichen einer Band, die man vielleicht viel zu lange nicht richtig auf dem Schirm hatte. Das Album ist geeignet für alle, die melodischen Futurepop mögen, der tanzen kann, ohne dumm zu grinsen, und fühlen kann, ohne sich in die Ecke zu legen. Weniger geeignet ist es für Hörer, die radikale Experimente, rohe EBM-Kanten oder komplett neue elektronische Baupläne erwarten. 'Culture Kultür' liefern hier kein Genre-Erdbeben, sondern ein sehr gut gebautes Album mit Herz, Druck und Refrains, die deutlich länger bleiben dürften als viele angeblich moderne Trends. Und das ist, ganz nüchtern betrachtet, schon ziemlich viel. Reinhören!