Combichrist - The Venom In The Mouth Of God

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Bei 'Combichrist' war Zurückhaltung noch nie Teil der Stellenbeschreibung. Seit mehr als zwei Jahrzehnten verbindet 'Andy LaPlegua' elektronische Körperverletzung mit martialischer Bühnenenergie, verzerrten Stimmen und Beats, die selbst tragende Wände nervös machen. Dabei hat sich das Projekt vom Power Noise und Aggrotech der Anfangsjahre zunehmend irgendwie in Richtung Industrial Metal bewegt. Die Gitarren wurden lauter, das Schlagzeug wuchtiger und die Konzerte entwickelten sich zu kontrollierten Ausnahmezuständen. Wer dort nicht wenigstens einmal versehentlich den Ellenbogen seines Nebenmannes kennenlernte, der stand vermutlich irgendwo an der Garderobe.

Nach dem 2024 erschienenen 'CMBCRST' führt 'The Venom In The Mouth Of God' diese Entwicklung weiter, schaut dabei aber auffällig häufig in den elektronischen Rückspiegel. Das am 24. Juli 2026 über 'Out Of Line Music' veröffentlichte Album versucht meinem Gefühl nach, die unterschiedlichen Phasen der eigenen Geschichte miteinander zu verbinden: frühe Electro- und EBM-Einflüsse, rohe Aggrotech-Energie, Industrial Metal und die melodischeren Seiten von 'Andy LaPlegua'. Das klingt nach einer Sitzung, bei der mehrere äußerst aggressive Abteilungen überraschend dieselbe Abrissgenehmigung unterschrieben haben. Das Ergebnis gehört für mich dann aber zu den stärksten 'Combichrist'-Alben der vergangenen Jahre. Es ist wuchtig, abwechslungsreich und trotz aller Härte erstaunlich atmosphärisch. Vor allem wirkt es nicht wie der bemühte Versuch, eine alte Erfolgsformel noch einmal aus dem Tiefkühlfach zu holen. Die elektronischen Elemente sind keine nostalgische Dekoration, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Musik. Sequenzen, synthetische Bassläufe und flächige Passagen erinnern stellenweise an 'Icon Of Coil', ohne dass 'Combichrist' so tut, als wären die vergangenen zwanzig Jahre lediglich ein besonders langwieriger Gitarrenunfall gewesen.

Genau diese Verbindung macht den Reiz des Albums aus. Die Maschinenbeats treiben, die Gitarren schieben und die Synthesizer öffnen immer wieder überraschend große Räume. Statt permanent mit voller Geschwindigkeit durch die Wand zu fahren, nimmt sich die Musik gelegentlich zurück, baut Spannung auf und lässt düstere Stimmungen entstehen. Dadurch trifft die Härte anschließend umso wirkungsvoller. Dauerbeschuss kann schließlich abstumpfen – selbst eine schlecht gelaunte Kampfmaschine muss zwischendurch den Akku laden. Auch stimmlich zeigt sich 'Andy LaPlegua' vielseitiger als auf manchem früheren Werk. Neben den bekannten verzerrten, gebrüllten und angegriffenen Passagen ist deutlich mehr klarer Gesang zu hören. Das sorgt nicht nur für melodische Abwechslung, sondern verleiht der Musik eine persönlichere und verletzlichere Ebene. Hinter dem ganzen Lärm wird ein Mensch sichtbar, der nicht ausschließlich gekommen ist, um den Sicherungskasten aus der Wand zu treten.

Inhaltlich kreist 'The Venom In The Mouth Of God' um die Kluft zwischen dem eigenen Ich und dem Bild, das man der Außenwelt präsentiert. Es geht um Masken, Selbstinszenierung, Entfremdung, Narben und jene persönlichen Dämonen, die sich auch durch einen besonders kräftigen Basslauf nicht dauerhaft vertreiben lassen. Die martialische Oberfläche bekommt dadurch Risse – und genau durch diese Risse dringt das Interessante. Das Album wirkt nicht nur wütend, sondern immer wieder auch verletzt, zweifelnd und beinahe schon schonungslos offen. Zusätzliche Wucht bringt 'David Gunn' von 'King 810' in 'Demons Wanna Be Summoned'. Sein Gastbeitrag fügt sich überzeugend in die aggressive Grundhaltung ein und verstärkt die bedrohliche Atmosphäre, ohne wie ein aufgeklebter Name für das Werbeetikett zu wirken. Das passt zum Gesamteindruck: Elektronische Tanzbarkeit, metallischer Druck, dunkle Atmosphäre und beinahe hymnische Momente stehen nicht bloß nebeneinander, sondern greifen erstaunlich selbstverständlich ineinander.

Die Produktion zeit sich dann auch entsprechend massiv. Alles klingt groß, dicht und körperlich, ohne vollständig im Klangbrei zu versinken. Die Beats besitzen genügend Druck für die Tanzfläche, während Gitarren und Schlagzeug auch im Metal-Kontext ordentlich Gewicht auf die Waage bringen. Gleichzeitig bleiben Melodien, Synthesizer und kleinere elektronische Details erkennbar. Das ist bei einer solchen Klangwand keine Selbstverständlichkeit. Andere Produktionen stapeln so lange Verzerrer übereinander, bis sämtliche Instrumente gemeinsam wie ein verstopfter Industriestaubsauger klingen. Allerdings hat das Album auch ein Problem: Es findet sich selbst ziemlich großartig – und liegt damit nicht einmal völlig falsch. Mit 13 Titeln und einer Laufzeit von gut 63 Minuten fällt 'The Venom In The Mouth Of God' ausgesprochen üppig aus. Anfangs beeindruckt die stilistische Vielfalt, im weiteren Verlauf schleichen sich jedoch Wiederholungen ein. Bestimmte Rhythmen, martialische Gesten und Spannungsbögen kommen einem irgendwann verdächtig bekannt vor. Nicht jede Passage besitzt dieselbe Durchschlagskraft, und manche Idee hätte durch eine kürzere Gestaltung deutlich gewonnen. Für meinen Geschmack hätten zehn bis fünfzehn Minuten weniger aus einem sehr guten Album ein noch zwingenderes gemacht. Gerade weil so viel starkes Material vorhanden ist, fallen die Momente auf, in denen 'Combichrist' seine Wirkung unnötig verdünnt. Gelegentlich scheint die Platte ihr Finale bereits erreicht zu haben, dreht sich an der Tür aber noch einmal um, weil ihr ein weiterer ausgesprochen wichtiger Bassdrum-Schlag eingefallen ist. Danach möchte die Gitarre noch kurz etwas ergänzen, und plötzlich sitzt man in einer musikalischen Zugabe, die sich selbst eingeladen hat.

Das ist allerdings Jammern auf ziemlich hohem Lautstärkeniveau. 'The Venom In The Mouth Of God' ist kein altersmildes Werk und schon gar keine gemütliche Rückkehr zu den Wurzeln. Vielmehr bringt das Album die verschiedenen Seiten von 'Combichrist' so überzeugend zusammen wie schon lange nicht mehr. Elektronik und Metal kämpfen nicht länger um die Vorherrschaft, sondern bilden eine wuchtige, düstere und überraschend emotionale Einheit. Fans der frühen Phase bekommen genügend Sequenzen und Tanzbarkeit, Anhänger der metallischeren Jahre reichlich Gitarrendruck – und beide Gruppen dürfen anschließend gemeinsam darüber streiten, wer beim Aufräumen hilft. Meine Begeisterung überwiegt daher klar. Das Album besitzt Energie, Atmosphäre, Melodie und eine emotionale Tiefe, die man unter der brachialen Oberfläche nicht unbedingt erwartet. Dass nicht jede Minute zwingend notwendig ist, schmälert den starken Gesamteindruck, verhindert für mich aber den ganz großen Wurf. 'Combichrist' hätten sich selbst etwas häufiger ins Wort fallen dürfen.

Passend ist 'The Venom In The Mouth Of God' für all die langjährigen Fans, die sowohl die elektronischen Anfänge als auch die Industrial-Metal-Jahre schätzen. Ebenso dürften Hörer auf ihre Kosten kommen, die aggressive Beats, dunkle Atmosphäre, harte Gitarren und überraschend viel Melodie mögen. Wer Industrial Metal dagegen ausschließlich als Wettbewerb um die lauteste Gitarre versteht, könnte von den atmosphärischen und klar gesungenen Passagen vermutlich etwas irritiert sein. Wer kompakte Alben, subtile Zurückhaltung oder musikalische Zimmerlautstärke bevorzugt, sollte vorsichtshalber die Nachbarn informieren. 'The Venom In The Mouth Of God' ist für mich ein kraftvolles, vielseitiges und bemerkenswert geschlossenes Album. Es zeigt 'Combichrist' wütend, elektronisch, metallisch, verletzlich und gelegentlich sogar schön. Nur das Ende erkennt die Platte nicht immer zuverlässig. Aber wenn 'Combichrist' schon zu lange bleibt, dann wenigstens mit laufenden Maschinen und einer Zugabe, die niemand bestellt hat, aber trotzdem fast alle hören wollen. Anspieltipps: 'Feraline', weil hier aggressive Gitarren, treibende Beats und elektronische Wurzeln besonders wirkungsvoll aufeinanderprallen. Außerdem 'Second Ending (We Have Been Here Before)' – das große atmosphärische Finale mit klarem Gesang, zunehmender Intensität und jener leichten Maßlosigkeit, die das Album zugleich auszeichnet und gelegentlich ausbremst.

Combichrist - The Venom In The Mouth Of God
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