Ständig lamentiere ich in meinen Kritiken, wenn eine Band im jährlichen Abstand Veröffentlichungen auf den Markt kloppt und damit der Kunst jedes Fundament nimmt und dem Hörer lieblose Selbst-Reproduktion als das Heil verkauft. Bei vorliegendem Werk kann von alldem wirklich nicht die Rede sein, immerhin kam der Albumvorgänger "Campo di marte" 1996 auf den Markt und seit der darauffolgenden EP "Madrigali" 1998 wurde es veröffentlichungstechnisch totenstill um Trommelwirbel Camerata Mediolanense. Wie, kennt man nicht mehr? Falls man auch nur einen Hauch von Sympathien für Neoklassik und Folk hegt, dann sollte man weiterlesen! Was sollte der Hörer mitbringen: Einen Hang zu klassischen Elementen, italienischer Sprache, Trommeln, Balladen und Schmacht sowie überraschende Ausflüge in Post-Punk, Wave und Noise Gefilde. Denn die 52 Minuten "Vertute, Honor, Bellezza " sind voll von abwechslungsreichem Zauber, der vom fast schon sakralen "Voi Ch'Ascoltate" eingeleitet wird. Bereits in diesem noch sehr minimal gehaltenen Stück zeigt sich eine enorme kompositorische Tiefe. "Dolce Ire" treibt mit Trommeln und Wechselgesang voran und lässt bei mir Bilder einer Irrfahrt durch ein sonnenbeschienenes Milano aufkommen. Dramatisch, aber nicht kitschig und vor allem unglaublich schön. Das auf militante Trommeln thronende "Canzone all'Italia" wirkt kühler, klarer und hat einen wundervollen Spannungsaufbau. Bisher ging es soweit recht (neo)klassisch zu, was man zunächst auch bei "99 Altri perfecti" vermuten könnte. Doch plötzlich wird die sanft wogende Melodie mit Synthesizern aus schönsten 80/90er Wavezeiten bereichert. Tanzbar, eigenwillig und ein weiterer Höhepunkt. Schon hier steht für mich die Kaufempfehlung fest! Da ist man grad so schön im Schwung, schon ziehen Camerata Mediolanense die Handbremse und lassen mit "Fragmentvm XXXV" Raum für noisiges Rauschen und einer Spoken Word Performance, die schlüssig in die träumerische Ballade "Solo et Pensoso" übergeht. Es folgt ein unkonventionelles Konstrukt "Tremo et Taccio", dessen Gesang auf eine Ballade schließen lassen würde, die Instrumentierung an Wave und die Aufbau an Elektro/Industrial (aber eben ohne Bass). Ungewöhnliche Mischung, nicht ganz leichte Kost...ganz großes Kino. Ich könnte auch noch die letzten 5 Lieder erwähnen doch dem Leser ist hoffentlich klar: ein zauberhaftes, abwechslungsreiches und spannendes Album, dem man die lange Erarbeitungszeit, die Mühen und die musikalischen Vorüberlegungen anhört und ein ganz klarer Pflichtkauf für.... ja, ich hoffe doch für ganz viele Menschen. Ganz am Ende der Kritik noch eine kurze Bemerkung zum Thema politischer Gesinnung: Ja, das Projekt hat sich in der Vergangenheit fragwürdige Handlungen geleistet. Der Leser ist eingeladen, sich im Netz zu informieren, doch neben der Tatsache, dass die letzten Verdachtsmomente 2000 vorfielen ist seit jeher die Musik der Band unproblematisch.