Manche Nachrichten führen direkt zum Plattenregal. Die Meldung vom Tod des früheren 'Bonfire'-Schlagzeugers 'Edgar Patrik' ist so eine: Plötzlich sind die Namen auf alten Covern wieder mehr als Besetzungsangaben. Hinter ihnen stehen Menschen, die einer Band ihren Klang und einer ganzen Hörergeneration den passenden Soundtrack gegeben haben. Anlass genug, auf die klassische Phase der Ingolstädter zurückzublicken – und auf 'Fireworks', auf der ursprünglichen Ausgabe als 'Fire Works' geführt. Mit diesem 1987 veröffentlichten Album brachten 'Bonfire' ihre Vorstellung von großem melodischem Hardrock besonders überzeugend auf den Punkt.
Dabei gehört eine Unterscheidung an den Anfang: Auf der ursprünglichen Studioaufnahme spielt 'Ken Mary' von 'Fifth Angel' Schlagzeug. 'Edgar Patrik' kam dann erst Ende 1987 zur Band und saß auf der anschließenden Tour hinter den Trommeln; auf 'Point Blank' und 'Knock Out' ist er dann auch im Studio zu hören. Dieser Rückblick gilt somit eher dem Album und jener Aufbruchsphase, die er auf der Bühne mittrug.
Die Vorgeschichte reicht zurück zur Band 'Cacumen', die sich 1986 in 'Bonfire' umbenannte. Nach 'Don’t Touch The Light' folgte bereits im nächsten Jahr das zweite Album unter dem neuen Namen. Mit Produzent 'Michael Wagener' erhielt die Musik einen entsprechend großen Rahmen. Die amerikanische Ausrichtung war unverkennbar: Hier wollte eine deutsche Band mit ihren Songs dorthin, wo Gitarren glänzten, Refrains ganze Hallen füllten und vermutlich schon der Studiokühlschrank eine Dauerwelle hatte. 'Fireworks' lebt von der Verbindung aus kräftigem Gitarrenfundament und ausgesprochen zugänglichen Melodien. 'Hans Ziller' und 'Horst Maier-Thorn' liefern Riffs mit Biss, die aber beweglich genug bleiben, um den Gesang nach vorn zu lassen. Darüber stehen Soli, die technische Klasse zeigen und zugleich melodisch verständlich bleiben. Das ist eine entscheidende Stärke: Die Gitarren geben der Musik Kontur, statt sämtliche freien Stellen mit Fingerübungen zu tapezieren. Trotz der hörbaren Orientierung am amerikanischen Hardrock wirkt das Ergebnis geschlossen und selbstbewusst.
Die Rhythmusgruppe liefert dazu einen druckvollen Unterbau. 'Jörg Deisinger' am Bass und 'Ken Mary' am Schlagzeug halten die Stücke auf Kurs, wobei gerade die präsenten Drums viel zur körperlichen Wirkung beitragen. Die Produktion gibt dem Ganzen Größe und Klarheit: Gitarren, Gesang und Rhythmus stehen deutlich im Raum, ohne dass aus jedem Refrain ein unübersichtlicher Klanghaufen wird. Natürlich trägt dieser Sound seine Entstehungszeit offen vor sich her. Für meinen Geschmack passt das hervorragend zu Musik, die schon bei mittlerer Lautstärke nach einer deutlich größeren Bühne verlangt. Ein wesentlicher Grund dafür, dass diese Rechnung aufgeht, ist 'Claus Lessmann'. Seine Stimme bringt die nötige Mischung aus rauer Kante und melodischem Gespür mit. Er kann die rockigen Passagen energisch nach vorn treiben und in den ruhigeren Momenten Wärme entwickeln, ohne den Zusammenhang des Albums zu verlieren. Gerade bei dieser Art von Hardrock entscheidet der Gesang darüber, ob ein großer Refrain mitreißt oder bloß laut behauptet, groß zu sein. Hier hat er überwiegend Substanz.
Überhaupt ist die Eingängigkeit die eigentliche Disziplin dieser Platte. Die Songs arbeiten mit klaren Spannungsbögen, griffigen Gesangslinien und Refrains, die sich schnell festsetzen. Mehrstimmige Chöre verstärken diesen Effekt. Neben dem Vorwärtsdrang bleibt Platz für melodische Weite und die romantischere Seite des Genres. So entsteht eine Atmosphäre zwischen Aufbruch, nächtlicher Fahrt und jener vollkommen unvernünftigen Zuversicht, mit der Achtziger-Hardrock selbst einen Weg zum Supermarkt wie den Beginn einer Welttournee aussehen lassen konnte. Für mich liegt genau darin ein großer Teil seines Reizes.
Als Anspieltipp bietet sich 'Sweet Obsession' an: Der Song bündelt die eingängige, melodische Seite von 'Bonfire' besonders gut und zeigt, wie selbstverständlich ein Refrain zum Mittelpunkt werden kann. Wer zunächst mehr Gitarrenzugriff möchte, greift zu 'Ready 4 Reaction'. Damit sind zwei Türen ins Album geöffnet; anschließend lohnt es sich, den Zusammenhang wirken zu lassen, statt nur die bekannten Titel abzuhaken. Ganz ohne Einschränkungen gehört 'Fireworks' allerdings nicht aufs Klassikerpodest. Der amerikanische Einfluss ist so deutlich, dass man stellenweise mehr Eigenwilligkeit vermissen kann. Manche Arrangements bewegen sich sehr sicher innerhalb vertrauter Genreformen, und die großen Gesten verlangen eine gewisse Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Wer trockenen, ungeschliffenen Hardrock bevorzugt oder bei üppigen Chören innerlich schon den Fluchtweg sucht, wird hier kaum bekehrt. Auch die romantischen Momente kommen ohne Scheu vor Pathos aus. Mir ist das gelegentlich eine Spur zu glatt; die starken Melodien gleichen diese Grenze aber weitgehend aus.
Im Rückblick überzeugt 'Fireworks' deshalb aber vor allem als sorgfältig gebautes, ausgesprochen mitreißendes Hardrockalbum. Es braucht keine Behauptung musikalischer Revolution, um seinen Platz zu rechtfertigen. Die Verbindung aus Gitarrenenergie, Gesang und eingängigem Songwriting reicht aus. Für Freunde von melodischem Achtziger-Hardrock, AOR und der Schnittmenge zwischen 'Dokken', 'Scorpions' und 'Bon Jovi' bleibt es eine klare Empfehlung – und für mich der schlüssigste Einstieg in die klassische Welt von 'Bonfire'. Gemeint ist hier die Originalaufnahme von 1987; die 2023 veröffentlichte 'MMXXIII'-Fassung ist eine Neueinspielung. Wer anschließend 'Edgar Patrik' selbst auf einem Studioalbum hören möchte, legt 'Point Blank' auf. So führt der Rückblick vom großen Aufbruch zu dem Musiker, dessen Tod ihn ausgelöst hat. Die Nachricht ist traurig. Die Musik dieser Jahre hat aber ihre Kraft behalten.
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