Es gibt Bands, die benötigen zwanzig Jahre, sieben Besetzungswechsel und drei offiziell nie erwähnte Frühwerke, um ihren eigenen Klang zu finden. 'Beyond Border' haben die Angelegenheit etwas zügiger geregelt. Seit ihrer Gründung im Jahr 2019 entwickelte sich das Projekt von 'Kai Vincenz Németh' und 'Michael Deiters' zu einer festen Größe zwischen Synthpop, Electro und Futurepop. Während 'Iggi' für Gesang und Texte verantwortlich zeichnet, kümmert sich 'Deity' um Komposition, Programmierung, Keyboards und Hintergrundgesang. Seit Anfang 2024 ergänzt 'René Brandt' die Formation als Live-Keyboarder und mit weiteren musikalischen Beiträgen.
Am 27. März 2026 erschien 'Aftermath' digital über 'NoCut Music'; das 2CD-Digipak und die limitierte 3CD-Fanbox folgten am 3. April. Damit vollenden 'Beyond Border' ihre 'Welcome To The Future'-Trilogie. Was mit 'Awakening' begann und über 'Gathering' weitergeführt wurde, endet nun bei den musikalischen Aufräumarbeiten nach der Zukunft. Der Titel klingt nach rauchenden Ruinen, beschädigten Hoffnungen und jenem Morgen nach einer Clubnacht, an dem man neben seiner Würde auch die Garderobenmarke verloren hat. Tatsächlich beschäftigt sich das Album mit den Spuren, die Fortschritt, Kontrolle, Krieg, Verlust und persönliche Kämpfe hinterlassen. Das klingt nach schwerem Gepäck – wird von 'Beyond Border' aber mit so viel melodischer Kraft und elektronischem Druck transportiert, dass man bereitwillig mitträgt.
Produziert wurde 'Aftermath' erneut von 'Rob Dust'. Und der hat hier hörbar nicht mit dem Staubwedel gearbeitet, sondern die industrielle Hochdruckreinigung angeworfen. Das Album klingt groß, klar, wuchtig und bis in die kleinsten Winkel durchgestaltet. Die Beats treten mit breiter Brust durch die Tür, Synthesizerflächen öffnen ganze Räume, und die Basslinien erinnern regelmäßig daran, dass Lautsprecher keine dekorativen Wohnaccessoires sind. Musikalisch bewegen sich 'Beyond Border' zwischen emotionalem Synthpop, treibendem Electro und kraftvollem Futurepop. Gelegentliche Gitarren verleihen dem Material zusätzliche Schärfe, ohne dass die Band deshalb plötzlich mit Nietengürtel und Schweißgerät auf der nächsten Industrial-Metal-Baustelle anheuert. Der elektronische Kern bleibt stets erhalten: prägnante Melodien, breite Flächen, druckvolle Rhythmen und große Refrains, die nicht vorsichtig anklopfen, sondern den Zweitschlüssel zum Gedächtnis offenbar längst besitzen.
Was mich an 'Aftermath' besonders begeistert, ist die Verbindung aus Härte und Wärme. Die Musik kann mächtig nach vorne gehen, verliert dabei aber nie ihre emotionale Seite. 'Iggi' singt nicht gegen die Produktion an, sondern sitzt mitten in ihr. Seine warme, leicht dunkle Stimme bildet den menschlichen Mittelpunkt zwischen den kristallinen Synthesizerlinien und maschinellen Rhythmen. Dadurch wirkt das Album trotz seiner enorm sauberen Produktion niemals steril. Unter der glänzenden Oberfläche schlägt ein ziemlich lebendiges Herz – vermutlich eines mit eingebautem Sequencer, aber immerhin.
Die zwölf regulären Stücke funktionieren auf der Tanzfläche, ohne ihr inhaltliches Gepäck vorher vollständig an der Garderobe abzugeben. Hinter den großen Melodien stecken Zweifel, Verlust, Hoffnung und die Frage, was vom Menschen übrig bleibt, wenn technische Entwicklung irgendwann schneller rennt als derjenige, der sie angestoßen hat. 'Beyond Border' liefern keinen muffigen Zukunftspessimismus, sondern ein spannendes Wechselspiel aus Faszination und Unbehagen. Die Maschinen dürfen glänzen, bekommen aber nicht automatisch den Generalschlüssel.
Dabei wirkt 'Aftermath' erstaunlich geschlossen. Das Album fühlt sich nicht wie eine zufällig zusammengestellte Playlist möglicher Clubhits an, sondern wie ein bewusst aufgebautes Werk. Druckvolle und ruhigere Passagen greifen ineinander, Melancholie und Aufbruchsstimmung wechseln sich ab, und die Musik entwickelt einen Fluss, der auch über die vollständige Spielzeit trägt. 'Aftermath' will nicht nur laut beeindrucken, sondern tatsächlich etwas erzählen – eine fast exotische Idee in einer Zeit, in der manche Veröffentlichungen bereits nach zwölf Sekunden um die Gunst des nächsten Algorithmus betteln.
Ganz ohne kleine Einschränkung kommt allerdings auch diese Begeisterung nicht aus. Manche Arrangements folgen recht zuverlässig den bewährten Spannungsbögen des Futurepop, und gelegentlich ist die Produktion so makellos ausgeleuchtet, dass man sich eine kleine schmutzige Ecke wünschen würde. Ein paar zusätzliche Widerhaken hätten dem Album nicht geschadet. Diese Momente ändern jedoch wenig am starken Gesamteindruck, denn 'Beyond Border' verlassen sich nicht allein auf Studiopolitur. Melodien, Atmosphäre und Gesang verleihen dem Material genügend Charakter, um unter der glänzenden Oberfläche nicht zu verschwinden.
In anderen Rezensionen werden Vergleiche zu 'Mesh', 'Massive Ego' und sogar 'Depeche Mode' gezogen. Als grobe Wegweiser ist das nachvollziehbar: dunkle Elektronik, eingängige Melodien, emotionaler Männergesang und eine Produktion, die Szene und Pop miteinander verbindet. Wirklich passend sind insbesondere die Vergleiche mit 'Mesh' und 'Depeche Mode' jedoch nicht. 'Mesh' arbeiten häufig mit einer spröderen, britisch unterkühlten Melancholie. Ihre Musik lebt stark von innerer Zerrissenheit und Spannungen, die sich eher langsam entfalten. 'Beyond Border' gehen direkter und körperlicher vor. Ihre Gefühle werden nicht sorgfältig in Luftpolsterfolie verpackt, sondern mit großen Flächen, mächtigen Beats und offenen Gesten in den Raum gestellt.
Noch deutlicher ist der Unterschied zu 'Depeche Mode'. Dunkle Synthesizer und eine markante Männerstimme reichen schließlich nicht aus, um jede elektronische Band automatisch in deren Wartezimmer zu setzen. Sonst müsste beim Kauf eines schwarzen Keyboards gleich eine lebenslange Fanclub-Mitgliedschaft beiliegen. 'Depeche Mode' leben stärker von Minimalismus, bluesiger Sinnlichkeit, analoger Reibung und einer ganz eigenen Art, Begehren, Schuld und Dunkelheit miteinander zu verschrauben. 'Beyond Border' bauen ihre Musik moderner, breiter und näher am Futurepop: heller ausgeleuchtet, druckvoller und beinahe filmisch.
Vor allem klingt 'Aftermath' längst nach 'Beyond Border'. Die eigene Handschrift entsteht aus der warmen Stimme von 'Iggi', der klaren elektronischen Architektur von 'Deity', der enormen Clubenergie und jener Mischung aus Hoffnung und kontrolliertem Absturz, die sich durch das gesamte Album zieht. Vertraute Einflüsse sind vorhanden, aber sie bestimmen nicht die Identität des Albums. 'Beyond Border' benutzen ein bekanntes musikalisches Vokabular und sprechen damit inzwischen ihre eigene Sprache.
Wer zunächst einen Fuß in die Welt von 'Aftermath' setzen möchte, sollte mit 'Last Dance' beginnen. Die Zusammenarbeit mit 'Ruined Conflict' bündelt nahezu alles, was das Album so stark macht: Druck, große Melodien, sofortige Tanzbarkeit und eine Energie, die selbst überzeugte Barhocker zumindest zu nervösen Fußbewegungen zwingt. Die markante Stimme von 'Xavier Morales' erweitert den Klang von 'Beyond Border', ohne ihn zu übernehmen. Das Stück ist kein höflicher Vorschlag für die Tanzfläche, sondern eine behördlich kaum genehmigungsfähige Räumungsanordnung für sämtliche Sitzgelegenheiten.
Den emotionalen Gegenpol bildet 'Absolution'. Hier zeigen 'Beyond Border', wie wirkungsvoll sie einen Song wachsen lassen können. Zunächst hält sich das Stück noch vergleichsweise zurück, bevor es seine Klangräume immer weiter öffnet. Gegen Ende breiten sich die Stimmen beinahe sakral im Hintergrund aus und verleihen der Musik eine Größe, die nicht bloß technisch beeindruckt, sondern tatsächlich berührt. Wo 'Last Dance' den Körper packt, nimmt sich 'Absolution' die Seele vor. Zusammen zeigen beide Stücke die Bandbreite des Albums, ohne dass dafür erst ein musiktheoretisches Gutachten in dreifacher Ausfertigung notwendig wäre.
Die reguläre Doppel-CD erweitert das Album um eine vollständige Remix-CD. Unter anderem haben sich 'Mesh', 'Eisfabrik', 'Alienare', 'Electrostaub', 'N/CTRL' und 'Matt One' an dem Material ausgetobt. Erfreulicherweise wirkt diese zweite Scheibe nicht wie ein digitaler Wertstoffhof für übrig gebliebene Bassspuren. Nicht jede Neubearbeitung ist unverzichtbar, insgesamt bietet die Remix-Sammlung aber ausreichend neue Perspektiven und damit einen echten Mehrwert. Für Sammler existiert zusätzlich eine limitierte Fanbox mit einer dritten CD, einem rund dreißigminütigen Gesamtmix, signierten Beigaben, einer Sammlermünze und Mohnsamen als Symbol für Erinnerung, Verlust und Hoffnung. Andere Bands legen einen Aufkleber bei, 'Beyond Border' schicken ihre Fans nach dem Hören erst einmal zur Gartenarbeit. Wer die Zukunft überlebt hat, kann anschließend wenigstens etwas Hübsches pflanzen.
Mit 'Aftermath' liefern 'Beyond Border' einen großartigen, emotionalen und enorm kraftvollen Abschluss ihrer 'Welcome To The Future'-Trilogie. Die Produktion von 'Rob Dust' ist mächtig, die Melodien setzen sich fest, und 'Iggi' verleiht dem technisch präzisen Klangbild genau die menschliche Wärme, die es benötigt. Das Album ist tanzbar, berührend, detailreich und mitreißend, ohne seine inhaltlichen Themen unter einer bloßen Clubfassade zu begraben. Natürlich erfinden 'Beyond Border' den Futurepop nicht vollständig neu. Müssen sie aber auch nicht. Viel wichtiger ist, dass sie innerhalb des Genres eine erkennbare Balance aus Melancholie, Hoffnung, elektronischer Wucht und emotionaler Offenheit gefunden haben. Die Vergleiche mit 'Mesh' oder 'Depeche Mode' mögen als grobe Orientierung funktionieren, werden dem Album letztlich aber nicht gerecht. 'Aftermath' klingt in erster Linie nach 'Beyond Border' – und zwar nach einer Band, die selbstbewusst, leidenschaftlich und auf einem beeindruckenden Niveau bei sich selbst angekommen ist.
Wer elektronische Musik nur akzeptiert, wenn sie wie ein defekter Kühlschrank in einer verlassenen Tiefgarage klingt, könnte die großen Melodien und die polierte Produktion als zu zugänglich empfinden. Wer dagegen Futurepop liebt, der gleichzeitig in die Beine, ins Herz und gelegentlich mit dem Stiefel gegen die Brust geht, kommt an 'Aftermath' kaum vorbei. Für mich gehört das Album zu den stärksten melodischen Electro- und Futurepop-Veröffentlichungen des Jahres. Nach dem letzten Ton ist längst nicht Schluss: 'Aftermath' läuft im Kopf weiter und verlangt ziemlich nachdrücklich nach dem nächsten Durchgang. Die Zukunft mag bei 'Beyond Border' abgeschlossen sein. Ihre Folgen höre ich mir aber ausgesprochen gerne noch einige Male an.
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