Ein Kaminabend ist gemütlich, heißt es. Das gilt allerdings nur, solange 'Autumnblaze' nicht für das Feuer zuständig sind. Auf 'Glut' knistert nichts romantisch vor sich hin. Hier liegt eher gesagt am nächsten Morgen noch genug Hitze unter der Asche, um alte Wunden, missratene Entscheidungen und notfalls die komplette Seele wieder aufzuwärmen. Seit 1996 gehören 'Autumnblaze' zu jenen Bands, die sich nie besonders dafür interessiert haben, in welche Schublade man sie gerade einsortiert. 'Markus B.' und 'Arisjel' kamen ursprünglich aus dem melancholischen Black und Dark Metal, ließen später Gothic Rock, Doom, akustische Passagen und sogar Trip-Hop in ihre Musik. Andere Bands wechseln den Stil und rufen sofort eine neue Ära aus. 'Autumnblaze' wechseln lediglich das Zimmer – das Haus bleibt dasselbe und in dessen Keller stimmt seit fast 30 Jahren irgendetwas nicht.
Mit 'Glut' erscheint nun das immerhin schon neunte Studioalbum der Band und zugleich der Nachfolger von 'Auf Zerfetzten Schwingen'. Erneut wird vollständig auf Deutsch gesungen, die Gitarren fallen diesmal allerdings deutlich kräftiger aus. Fein! Das am 26. Juni 2026 über 'Argonauta Records' veröffentlichte Album enthält 13 Stücke und bringt es auf angenehm kompakte 42 Minuten. Ehrlich gesagt hatte ich nach dem eher leichtfüßigen Gothic Rock des Vorgängers mit einer vorsichtigeren Fortsetzung gerechnet. Stattdessen stehen die Gitarren weit vorne, das Schlagzeug drängt ordentlich und der Gesang wechselt regelmäßig zwischen klarer Melancholie und heiserem Fauchen. 'Markus B.' klingt dabei mal wie jemand, der dringend eine Umarmung gebrauchen könnte, und wenige Sekunden später wie jemand, dem man diese besser nicht ungefragt anbietet. Genau dieser Wechsel hat mich ziemlich schnell für 'Glut' eingenommen.
Die harten Passagen stammen hörbar aus dem Black Metal, ohne dass 'Autumnblaze' gleich wieder mit Nietenarmband und Fackel in den Wald marschieren. Dazu kommen Gothic Metal, Dark Rock und etwas Doom. Gelegentlich verschwimmen die Gitarren beinahe in einer dunkel schimmernden Shoegaze-Wand. Die Musik bleibt überwiegend im mittleren Tempo, wirkt aber nie träge. Vor allem das Schlagzeug von 'Arisjel' verhindert, dass sich die Platte vollständig auf das Sofa legt, die Vorhänge zuzieht und den restlichen Tag für beendet erklärt. Der von 'Markus Stock' angefertigte Hauptmix klingt warm, druckvoll und erstaunlich transparent. Die Gitarren besitzen Gewicht, das Schlagzeug wirkt organisch und der Gesang steht klar im Mittelpunkt. Das ist wichtig, denn die deutschen Texte sind kein dekoratives Beiwerk. Sie bestimmen den Rhythmus der Musik und machen die Emotionen unmittelbarer. Wo englische Zeilen manches elegant verschleiern können, stellt die deutsche Sprache den Schmerz gerne persönlich vor die Haustür und wartet, bis man öffnet.
Trotzdem wirkt das nicht aufgesetzt. Vieles klingt biografisch und unangenehm nah. Man hat nie den Eindruck, dass hier zwei Herren möglichst finster erscheinen möchten, weil das nun einmal zur Garderobe gehört. Gerade die gesprochenen Passagen geben dem Album stellenweise etwas Beichtendes, fast Tagebuchartiges. Das kann sehr nah gehen – gelegentlich bremsen diese Momente allerdings auch den musikalischen Fluss. Manchmal möchte ich dem Erzähler weiter zuhören, manchmal würde ich ihm das Tagebuch gerne vorsichtig abnehmen und die Band wieder einsetzen lassen. Überhaupt liegt die größte Schwäche von 'Glut' ausgerechnet in seiner Verlässlichkeit. Viele Stücke folgen gefühlt einem ähnlichen Grundprinzip: rauer Einstieg, harte Stimme, melodischer Gegenzug und ein eingängiger Refrain, der die vorher aufgerissenen Wunden zumindest notdürftig verbindet. Dieses Wechselspiel funktioniert, wird über 13 Stücke hinweg aber etwas vorhersehbar. Nicht jeder Funke entwickelt ein eigenes Feuer, manche wärmen lediglich dieselbe Stelle noch einmal auf. Markantere Gitarrenmelodien oder überraschendere Tempowechsel hätten dem Album an einigen Stellen gutgetan. Mich stört das weniger, als es vielleicht sollte. Dafür ist 'Glut' zu kompakt und zu direkt. Die Refrains setzen sich fest, ohne sich anzubiedern, und die härteren Passagen verhindern zuverlässig, dass die Melancholie in süßlichen Gothic-Kitsch kippt. Vor allem aber glaube ich 'Autumnblaze' diese Musik. Hier wird Traurigkeit nicht als besonders edles Accessoire getragen. Sie klingt eher wie etwas, mit dem man schon eine ganze Weile zusammenlebt und das sich beharrlich weigert auszuziehen.
Interessant ist außerdem die limitierte Doppel-CD. Neben dem warmen und klaren Hauptmix von 'Markus Stock' enthält sie einen alternativen Mix von 'Charles Greywolf', der roher, spontaner und teilweise anders arrangiert klingt. Hinzu kommen zwei exklusive Bonustracks. Auch das von 'Friederike Myschik' als Ölgemälde gestaltete Cover unterstreicht den bewusst handgemachten Charakter des Albums. Die Erstauflage ist weltweit auf 500 Exemplare begrenzt.
'Glut' ist für mich eines der spannendsten Alben aus der jüngeren Geschichte von 'Autumnblaze'. Die Band verbindet hier die melodische Schwermut von 'Katatonia' mit der Schwere von 'Paradise Lost', klingt dabei aber jederzeit nach sich selbst. Nicht alles ist gleich abwechslungsreich, manche Sprechpassage zieht sich etwas und das grundlegende Songrezept wird ein paarmal zu häufig verwendet. Die emotionale Wirkung bleibt dennoch erstaunlich stark. Wer technische Hochgeschwindigkeitskunststücke, ausufernde Soli oder ein Album für die nächste Gartenparty sucht, sollte besser weitergehen. Es sei denn, auf der Gartenparty sollen nach zehn Minuten alle schweigend in die Feuerschale schauen und über ihre Kindheit nachdenken. Wer dagegen deutschsprachigen Dark Metal, kräftige Gitarren, raue Stimmen und große Melancholie mit persönlicher Fallhöhe mag, dürfte sich hier ausgesprochen wohlfühlen. 'Glut' brennt meinem Gefühl nach nicht lichterloh. Nein, sie sitzt tiefer, hält länger und riecht am nächsten Morgen noch nach. Genau so soll Glut das schließlich machen.
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