Airbourne - Airbourne

Airbourne - Airbourne

Braucht die Welt im Jahr 2026 wirklich noch ein Album, das klingt, als hätten die Achtziger den letzten Aufruf zum Boarding verpasst? Wahrscheinlich nicht. Aber das hat 'Airbourne' noch nie davon abgehalten, Gitarren aufzudrehen, Refrains in Stadiongröße zu bauen und den guten Geschmack anschließend mit Bier zu übergießen. Sieben Jahre nach 'Boneshaker' kehren die Australier nun mit 'Airbourne' zurück – und liefern damit ausgerechnet ihr kompromisslosestes Argument gegen musikalische Vernunft. Das selbstbetitelte sechste Studioalbum ist fetter Hard Rock ohne Sicherheitsabstand, geprägt von der australischen Schule um 'AC/DC' und 'Rose Tattoo' und ergänzt um die unverwüstliche Lautstärkephilosophie von 'Motörhead'. Sänger und Gitarrist 'Joel O’Keeffe', Schlagzeuger 'Ryan O’Keeffe', Bassist 'Justin Street' und der erstmals auf einem Album vertretene Gitarrist 'Brett Tyrrell' wollen keine musikalischen Grenzen verschieben. Sie möchten die Grenzen höchstens mit dem Tourbus durchbrechen.

Aufgenommen wurde im 'Music Farm Studio' außerhalb von Byron Bay, unter anderem über eine alte Neve-Konsole mit reichlich australischer Rockgeschichte in den Schaltkreisen. Die bewusste Arbeit mit analogem Tonband verleiht dem Album einen ausgesprochen körperlichen Klang: Die Gitarren knirschen, das Schlagzeug tritt kräftig gegen die Brust und der Bass hält die ganze Angelegenheit zusammen, während darüber 'Joel O’Keeffe' röhrt, als müsse er gegen einen laufenden Flugzeugmotor ansingen. Produzent 'Brian Howes' und Toningenieur 'Mike Fraser' sorgen dann auch für genügend Druck und Klarheit, ohne aber dem Material den Schmutz aus den Rillen zu polieren. Auch 'Mutt Lange' und sogar 'Bryan Adams' waren an einzelnen Kompositionen beteiligt – eine Verbindung, die meiner Meinung nach besonders bei den großen, sofort zündenden Refrains spürbar wird. Verändert hat sich dabei weniger die musikalische Formel als deren Dimension: 'Airbourne' klingen nicht anders als früher, aber irgendwie doch größer, wuchtiger und bis ins letzte Gitarrenkrachen durchorganisiert.

Musikalisch gibt es natürlich geradlinigen Hard Rock mit schweren Blues-Wurzeln, trockenen Riffs, knackigen Soli und Refrains, die schon beim zweiten Durchlauf nach Festivalgelände riechen. Die Rhythmusgruppe marschiert unaufhaltsam nach vorne, während die Gitarren einen Riff-Nachschub liefern, der vermutlich mehrere mittelgroße Kraftwerke versorgen könnte. Trotz aller Lautstärke klingt das Album gar nicht überladen. Es besitzt eine angenehme Direktheit, als stünde die Band nicht im Studio, sondern irgendwo mit einem Fuß auf dem Bühnenmonitor. Mich packt diese kompromisslose Energie sofort. Hier klingt nichts müde, kalkuliert oder nach pflichtbewusster Vertragserfüllung. 'Airbourne' wirken hier hungrig und überzeugend begeistert von ihrer eigenen Vorstellung dessen, was Rock ’n’ Roll zu sein hat. Dass dabei große Gesten und Texte über Freiheit, Feiern, Frauen und weitere kulturelle Errungenschaften der Menschheit zusammenkommen, überrascht kaum. Philosophische Erkenntnisse sollte man hier eher nicht erwarten – es sei denn, man betrachtet die Frage nach dem nächsten Bier bereits als Existenzialismus.

Mit 'Christmas Bonus' beweist die Band zudem, dass zwischen Verstärkern und Testosteron noch Platz für derben Humor geblieben ist. Allerdings verläuft die Grenze zwischen augenzwinkernder Übertreibung und pubertärem Herrenwitz mitunter so dünn wie die Handlung eines Achtziger-Hard-Rock-Videos. Wer bei einigen sexuellen Doppeldeutigkeiten genervt die Augen verdreht, hat deshalb nicht vollkommen Unrecht. Andererseits präsentiert die Band diesen Unsinn mit einer derart unbekümmerten Überzeugung, dass man zumindest gelegentlich gegen den eigenen guten Geschmack grinsen muss. Die größte Stärke des Albums ist zugleich seine deutlichste Grenze. 'Airbourne' liefern eine erstaunlich reine Essenz ihres bisherigen Schaffens, aber kaum etwas, das man von ihnen nicht bereits kennt. Viele Stücke folgen einer ähnlichen Konstruktion aus Riff, Strophe, Mitgröhl-Refrain und Gitarrensolo. Wer nach stilistischer Entwicklung, subtilen Klangfarben oder überraschenden Wendungen sucht, dürfte deshalb irgendwann nervös auf die Uhr schauen. Auch bei mir schleicht sich nach einigen Songs das Gefühl ein, denselben sehr guten Riff-Lieferanten mehrfach an der Tür begrüßt zu haben. Das funktioniert trotzdem, weil 'Airbourne' ihre überschaubare musikalische Speisekarte mit maximaler Überzeugung servieren.

Als Anspieltipp empfiehlt sich 'Alive After Death (Last Plane Out)'. Der Song bündelt den druckvollen Sound, die raue Stimme und den großen Refrain besonders wirkungsvoll. Inspiriert von 'Lemmy' und der Vorstellung, dass verstorbene Rockgrößen in ihren Songs weiterleben, besitzt er außerdem mehr emotionales Gewicht als der gewöhnliche Partybetrieb. Wer es noch eingängiger und stärker auf Stadionformat zugeschnitten mag, sollte zusätzlich 'Who Put The Rhythm In You?' antesten. Mit 'Send Me To Rock ’N’ Roll Heaven' endet das Album schließlich als lautstarker Gruß an verstorbene Musiker wie 'Bon Scott', 'John Bonham', 'Lemmy' und 'Little Richard'.

An diesem Album dürften sich kaum neue Glaubenskriege entzünden. Wer 'Airbourne' bisher für eine besonders ausdauernde Variante von 'AC/DC' hielt, bekommt reichlich neues Beweismaterial. Wer dagegen genau diese kompromisslose Geradlinigkeit liebt, erhält eines ihrer geschlossensten und druckvollsten Alben. Für Fans von klassischem Hard Rock, großen Gitarren, verschwitzten Clubs und Refrains mit erhobener Faust ist das Album beinahe eine Pflichtveranstaltung. Freunde musikalischer Überraschungen sollten hingegen prüfen, ob ihr Fluchtweg frei ist. Für mich ist 'Airbourne' keine Neuerfindung, aber ein ausgesprochen unterhaltsames und hervorragend produziertes Hard-Rock-Album. Es überrascht ungefähr so sehr wie ein Bier auf einem 'Airbourne'-Konzert, macht aber mindestens genauso viel Spaß. Vier von fünf Sternen.

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