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1991 gründete Achim Szepanski das Techno-Label "Force Inc. Music Works" und schuf 2 Jahre später das stärker experimentell ausgerichtete Sublabel "Mille Plateaux", benannt nach einem Werk des Philosophen Gilles Deleuze. Die fruchtbare Verbindung philosophischer Konzepte mit damals neuartiger elektronischer Musik fand begeisterte Anhänger und ließ das Label zu einem Wegbereiter des Glitch (und verwandter Stile) werden. Dummerweise ging der Distributor EFA Medien 2004 den Bach herunter und zog unter anderem auch Szepanski's Labels mit in den Ruin. Bis zur Wiederauferstehung sollte es allerdings nur 2 Jahre dauern. 2008 wurde Mille Plateaux schließlich von Total Recall akquiriert und steht dadurch unter neuer Führung durch Marcus Gabler. Es dauerte dann nochmal 2 Jahre, bis wieder die ersten Tonträger unter diesem gewichtigen Namen auf dem Markt erschienen sind. Einer davon ist die hier besprochene Fortsetzung der mehr oder weniger bekannten Sampler-Reihe "Clicks & Cuts", welche auf diverse Talente im Bereich experimenteller Electronica aufmerksam macht. Nicht umsonst hat sich "Clicks & Cuts" auch als Bezeichnung dieses Musik-Stils etabliert.
Der Gesamteindruck der Platte ist unerwartet entspannt, denn ein Großteil erfüllt diverse Ambient-Charakteristika. Hierzu zählt beispielsweise Ametsub mit "Repeatedly", das relativ jazzy daherkommt und angenehm harmonisches Klavierspiel bietet, und ich meine auch etwas Posaunen-Sound o.ä. vernommen zu haben. Das ganze wird angereichert mit leichtfüssigem Glitch-Gefrickel. Es werden teils sehr offene und freundliche imaginäre Räume geschaffen, durch die man sich gerne bewegt, aber auch beklemmendere Visionen gesellen sich gelegentlich hinzu. So ist z.B. der Beitrag von Aoki Takamasa relativ düster, was durch den sehr groovigen Hip Hop-Beat und die tiefen, leicht verzerrten, metallisch klingenden Synthflächen unterstützt wird. Marow's "E.Coli" (das Lieblingshaustier der Genetiker) liefert, wie z.B. auch das erwähnte "RN4-09", einen sehr repetitiven Beat-Loop mittleren Tempos und auf den ersten Blick tut sich nicht viel im Verlauf des Tracks. Es finden nur kleine, subtile Änderungen statt, Clicks die kurz hinzukommen oder graduelle Effekt-Entwicklungen. Demgegenüber stehen Stücke wie Manathols "Baketo" oder Wyatt Keusch's "Object 02", die dem Titel des Samplers schon eher gerecht werden. Hier sind kaum melodische Komponenten enthalten (oder stehen zumindest nicht im Vordergrund), dafür umso dichtere, etwas nervös wirkende perkussive Arrangements. Auch kann der Beat auf dieser Seite des Spektrums hektischer und unbeständiger sein. Lodsb erweitert mit "Eve" die Bandbreite der physischen Version des Samplers noch um ein wenig Breakcore-Inspiriertes und Rimacona verzaubern mit klarem, weiblichem Gesang auf japanisch, begleitet von Klavier und einem Minimum an Percussion in Form prozessierter HiHat-Samples.
Scheinbar gab/gibt es ein paar "Uneinigkeiten" zwischen Label-Gründer Szepanski und dem neuen Besitzer Gabler. Diesem wird Diebstahl und Inkompetenz vorgeworfen, wobei er jedoch offensichtlich rechtmässiger Eigentümer des Labels, des Namens etc. geworden ist. Und jemanden als unfähig zu bezeichnen, bloss weil er (angeblich) nichts von Deleuze oder bestimmten Künstlern weiss, hört sich für mich eher nach verbittertem Elitarismus als nach fundierter Beurteilung an. In meinen Augen ist für die Qualität von Musik (und des Labels, welches diese vertreibt) letztendlich nur ausschlaggebend, ob sie mich unterhalten kann oder nicht (emotional, rational, wie auch immer, aus welchem Grund auch immer). Und auch unter Leitung von Gabler wird weiterhin der Bezug zur Kunst ausserhalb der Pop-Kultur gesucht, ob pädagogisch wertvoll oder nicht, wird sich zeigen. Natürlich ist es nicht dasselbe Label wie vor 10 Jahren, das macht es allerdings nicht direkt schlechter, nur vll. etwas anders. Eventuell ist es auch einfach mal wieder Zeit für ein paar neue, attraktive Genre...
Wie dem auch sei, im Grunde werden alle Kriterien erfüllt, die ich an einen IDM/Glitch/Electronica-Sampler stellen würde. Es ist gut produziert, es werden neue Akteure vorgestellt, die Tracks unterscheiden sich stilistisch untereinander zumindest so stark, dass sie sich eindeutig voneinander differenzieren lassen, und in Bezug auf Abwechslung innerhalb der einzelnen Lieder ist auch Heterogenität geboten, wobei die etwas monotoneren Beispiele nicht zwingend langweilig wirken. Dies ist aber auch dem Kontext zu verdanken, in dem sie stehen, und ihn gleichzeitig ergänzen und durch ihn ergänzt werden. Eine interessante und vor allem kohärente Mischung.
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