Anne Clark ist so aktiv wie nie. Mehrer Touren, neue Releases, eine neue Band, audio-visuelle Coollaborations, nicht schlecht! Die neue Toursaison eröffnet sie in Sven Väths Cocoon-Club um mit DJ Dag, dem alten Trance-Franz, alte Zeiten wieder aufleben zu lassen. Extra zu diesem Anlass hat Dag den Song ‚Full Moon’ neu abgemischt und den gibt’s dann auch gleich exklusiv auf der neuen Tour als Maxi zu erstehen.
Nochmal auf der Cocoon-Site nachzuschauen war gut, denn so bekomme ich mit, dass der Auftritt von 1:00 – 2:30 angesetzt ist und die Party-Posse vorher von Dag aus der Konserve beschall wird. Der macht das recht ordentlich und unterhält das Publikum mit Trance und House der besseren Art. Fünfundzwanzig Jahre ist er bereits als DJ im Geschäft und viele der Leser werden ihn noch als Veteranen der HR3-Clubnight kennen.
Etwas Spezielles ist angekündigt. Ein ‚Live-Set’ mit Steve Schroyer, dem Mann, der damals schon mal bei Tangerine Dream mitwirkte und in den Neunzigern über den Techno herangeführt das Psy-Trance-Genre bereicherte. Die Gänsefüßchen am Live-Set machen mir ein wenig Angst. Eine Band gibt es heute wirklich nicht. Die kleine Bühne im inneren Sactum der Cocoon-Zellstrukturen hat auch gar keinen Platz für mehr als Anne Clark und Schroyer hinter seiner Keyboard-Armada. Projektionen, die den Cocoon-Club insgesamt von Ambiente her ausmachen, werden neben der Farbgebung auf den gewebeartigen Wänden noch zusätzlich auf eine Leinwand auf der Bühne gestrahlt.
Gegen ein Uhr nachts geht es dann auch pünktlich los. Schroyer in Sandalen, Muscle-Shirt und Shorts wirkt gerade so, als ob er frisch der letzten Goa-Party in Indien entflohen wäre. Nun gut, das ist Geschmackssache, aber das ist das Styling heute Abend im Cocoon-Club sowieso. Man trifft aufgebrezelte Chicks, genauso wie Sekretärinnen, die in ihren High-Heels noch wirklich nicht laufen können. Vorstadt-Gigolos möchten heute genauso eine Nacht in Sven Väths Traumpalast verbringen, wie alternde Unternehmer-Frauen im zu kurzen weiß-rosa Strickkleid. Natürlich sind auch viele Leute nur wegen Anne Clark hier. Man sieht, wenn man genau hinschaut, auch mal ein Recoil-T-Shirt und Kerle in schwarz, die sich sonst weniger in die Carl-Benz-Strasse zwischen Frankfurt und Offenbach verirrt hätten.
Zunächst beginnt das Set recht ruhig, man fühlt sich stellenweise an Schiller erinnert. ‚Killing Time’ klingt irgendwie nicht wie ‚Killing Time’. Lediglich Anne Clarks ausdrucksstarke Rezitationen bilden einen Faktor mit Wiedererkennungswert. Im Hintergrund erscheinen auf der Leinwand teilweise großpixelige Sequenzen, die gut zum sehr technoiden Ansatz des heutigen Abends passen. Technisch ist der Abend eher eine Katastrophe: Anne Clark muss mehrere Male gestikulieren, dass die Monitorboxen nicht funktionieren, bis sich ein Techniker der Lage widmet und feststellt, dass ein Kabel in der Box nicht richtig steckt.
Klanglich enttäuscht der Cocoon-Club erneut. Breiig mit komplett übersteuerten Bässen bekommt man von Höhen und Zusammenspiel der musikalischen Elemente vor der Bühne so gut wie gar nichts mit. Bei Client, die ich in der gleichen Ecke des gleichen Clubs auch schon mal um 2:30 nachts gehört habe, konnte man dies gutmütig der Tatsache zuordnen, dass kurz vor dem Auftritt noch jemand schnell eine Cola Light über dem Mischpult ausgeleert hat und Jo Wilson während des Auftritts Kabel neu stöpselte, allerdings war der Sound bei Ladytron damals, wenn man ehrlich ist, auch nicht wesentlich besser. Und das in dem Club mit angeblich einer der besten Anlagen der Welt.
Eine Frage klärt sich nicht wirklich, denn, ob die Vielzahl der Songs neu oder unbekannt ist, oder ob Schroyer diese bis zur Unkenntlichkeit umstrukturiert hat lässt sich stellenweise nicht sagen. Das letzte Drittel des gut einstündigen Konzerts lässt eine Vermutung zu, denn auch die großen Songs sind teilweise radikal anders. Allen voran der ‚Sleeper in Metropolis’, bei dem zwar alle abfeiern, der leider jedoch bis auf den Text nur noch wenig mit dem Original zu tun hat. Salven von Techno-Beats, die aus meiner Sicht nun wirklich inzwischen der Vergangenheit angehören, machen das nicht besser. ‚Full Moon’ und ‚Our Darkness’ sind schon eher zu erkennen, geben jedoch leider klanglich auch kein rundes Bild ab. Sorry, Herr Schroyer, heute Abend konnten Sie mich nicht überzeugen! Ob das grundsätzlich an den Songstrukturen lag oder ob das hauptsächlich nichtvorhandene klangliche Transparenz war, ich weiss es nicht!
Nach einer guten Stunde verabschiedet sich Anne Clark um noch für ‚Abuse’ als einzige Zugabe auf die Bühne zurückzukehren. Sauber charismatisch wie bereits den ganzen Abend liefert sie aus meiner Sicht heute als einzige wirklich ab. Und so muss man leider sagen, dass die Darbietung eher zu den schlechteren in diesem Jahr gehört, insbesondere wenn man sich an die letzte Tour erinnert, die neben einer souveränen Anne Clark auch durch eine starke Band und klasse Mixes bestochen hat. Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack und die Freude aufs anstehende Amphi, bei der bestimmt wieder das präsentiert wird, was die Fans erwarten. Wie auf der Homepage angekündigt, war das Set mit Steve Schroyer ein ‚Projekt’ und Projekte können eben auch mal einen schwierigen Ausgang haben, das muss man akzeptieren. Wir rufen nun einfach den Lenkungsausschuß für das Gesamtprojekt ‚Anne Clark’ ein und analysieren die Herausforderungen um mit passenden Maßnahmen das zukünftige Gelingen sicherzustellen…