Medienkonverter:
„Star Wood Brick Firmament“ heißt das neueste Werk des umtriebigen Violinisten Matt Howden alias Sieben, welches nicht nur beim Medienkonverter, sondern auch in den übrigen einschlägigen Magazinen mit reichlich Lorbeeren bedacht wurde. Grund genug also, dem Herrn über Violine und Loop-Pedal einige Fragen zu Stern, Holz, Ziegel und Firmament zu stellen. Was die Zukunft sonst noch für den „Sheffielder Baumeister“ bereithalten könnte, das verrät er uns im Folgenden.
Hi Matt,
zuallererst Gratulation zur neuen Veröffentlichung „Star Wood Brick Firmament“.
Matt Howden:
Dankeschön :-)
Medienkonverter:
Auf den ersten Blick scheinen die Begriffe Star, Wood, Brick und Firmament (zu deutsch: Stern, Holz, Ziegel, Firmament) nichts miteinander zu tun zu haben, oder? Kannst Du bitte den Hintergrund dieses Titels erläutern?
Matt Howden:
Ich dachte an das Greifbare und das weniger Greifbare. Auch sind es einerseits Bestandteile einer „Konstruktion“ (wie bei „Build You A Song“) andererseits eher des Sphärischen. Außerdem gefällt mir einfach, wie die Wörter zueinander stehen. „Brick“ und „Wood“ sind handfest und verständlich, „Star“ und „Firmament“ nicht so sehr...
Medienkonverter:
Gleichfalls scheinen die Songs auf dem Album einzelne Episoden darzustellen, im Gegensatz zu früheren Werken, z.B. „Desire Rites“, wo sich ein gemeinsames Thema durch alle Lieder zog. Warum jetzt diese Vielfalt?
Matt Howden:
Also, ich würde sagen, das ist nicht ganz der Fall. Es ist nur nicht so offensichtlich wie vorher, wo ich ein Thema ausgewählt habe und alles auf dem Album durchgehend auf diesem Thema basierte. Hier sind die Fäden feiner und subtiler in ein Gewebe eingearbeitet. Was dieses Album zusammenhält sind vielleicht die Geschichten, Geschichten von Leben, die gelebt werden.
Medienkonverter:
Als ich die Songs auf „Star Wood Brick Firmament“ hörte, bekam ich den Eindruck, daß diese inzwischen sanfter, friedlicher, um nicht zu sagen zufriedener, sind. Did you „learn some sense, Howden“?
(Anm.d.Red.: „Learn Some Sense, Howden“ ist der Titel eines Liedes aus dem Album „Desire Rites“, deshalb bleibt diese Frage unübersetzt)
Matt Howden:
He, he, könnte schon sein ;-) Es ist ein ruhigeres Album als „Desire Rites“, möglicherweise, aber „Star Wood Brick Firmament“ baut sich nach und nach auf und zieht Dich in seinen Bann. Die Produktion ist einfacher und auch wärmer. Allerdings brennt noch das Feuer in mir, keine Sorge ;-)
Medienkonverter:
Kannst Du uns etwas über das Minack Theatre erzählen? Was war der Grund dafür, gerade dieses Theater als Thema eines Liedes und als den Ort, wo Du am allerliebsten spielen würdest, auszuwählen?
Matt Howden:
Ich wurde davon geradezu „weggeblasen“, als ich es während eines Urlaubs in Cornwall besuchte. Es ist überwältigend! Und man bedenke, es wurde von einer einzigen Frau (Anm.d.Red.: Rowena Cade) gebaut, von ihrem starken Willen, ihrer Vision und lediglich mit Hilfe einiger Weniger. Sie zogen Holz und Stein (Wood, Brick?) vom Strand hinauf, um etwas Perfektes, Dramatisches, Schönes und Himmlisches, wie „Star“ oder „Firmament“, zu schaffen. Im Übrigen hatte ich auch einen Hintergedanken – falls sie meinen Song mögen, könnte es sein, daß sie mich eines Tages dort auftreten lassen ;-) Sieben spielt, während die Wellen gegen die Klippen darunter schlagen und wilde Blumen zwischen den Sitzen sprießen. Ich mag diesen Klang ;-)
Medienkonverter:
Die Titel „Donald“ und „Crowhurst“ beschäftigen sich mit dem Erfinder und Segler Donald Crowhurst. Warum gerade er? War es die Tollkühnheit seines Lebens oder die Tragödie seines Todes, welche Dich inspirierte?
Matt Howden:
Es war genau das. Beides. Und der Druck, dem er sich selbst aussetzte und der Druck, den ihm das Leben bereitete. Der Drang nach dem Sieg, dem Risiko, welcher in die Begierde, nicht zu scheitern, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, umschlug. Seine Tagebücher zeichnen eine Reise in den Wahnsinn auf, in eine Gier nach Sinn in einer sinnlosen Situation, einer sinnlosen Welt. Es ist eine sehr, sehr traurige Geschichte aus so vielerlei Gründen, nicht zuletzt für die Familie, die er hinterließ.
Medienkonverter:
„Long live the Empire / The Empire is dead“. Dies sind die letzte Worte in „Long Live The Post Romantic Empire“, dem Lied, welches Deinem Freund Giulio di Mauro und seinem Label Post Romantic Empire gewidmet ist. Die Worte lassen mich an „Der König ist tot / Lang lebe der König“ denken. Betrauerst Du ein Ende oder begrüßt Du einen Neubeginn?
Matt Howden:
Ja ;-)
Medienkonverter:
Bezieht sich dieser Song nur auf Post Romantic Empire oder auf die Entwicklung der Subkultur im Allgemeinen?
Matt Howden:
Es ist ein Lied, das ich für einen Freund geschrieben habe, das seine Leistung feiert, seine Vision und die Art, wie er ein netter Mensch geblieben ist, in einem Betrieb, der Leute zu Arschlöchern machen kann...
Medienkonverter:
„Jack In The Pulpit“ (eine Pflanze, zu deutsch: Kobralilie) greift auf Dein Album „Sex And Wildflowers“ zurück und ist laut Deiner Homepage „aus der Asche von 'John In The Pulpit' (Anm.d.Red.:ein Titel aus erwähntem Album) entstanden“. Kannst Du uns mehr über diese Verbindung erzählen?
Matt Howden:
Die Originalversion wurde geschrieben, nachdem ich mich mit einem anderen Freund unterhalten hatte, der mir von der Pflanze erzählte. Ein guter Freund, aber nicht der „Hellste“ (wie man so sagt ;-) ) und so bezeichnete er diese Pflanze mit falschem Namen. Ich ging, schrieb den Song und merkte erst nach Veröffentlichung des Albums, daß der Name der Pflanze falsch war! Wie auch immer, die neue Version des Liedes funktionierte live in der neuen Form so gut, daß sie sich anbot, nochmals auf „Star Wood Brick Firmament“ veröffentlicht zu werden.
Medienkonverter:
Zwei Tracks auf „Star Wood Brick Firmament“ wurden von Dark Hearted remixed. Wie hast Du diese mysteriöse Dame kennengelernt?
Matt Howden:
Sie nahm über myspace Kontakt mit mir auf und fragte ganz frech, ob sie ein paar meiner Lieder remixen könnte. Ich schickte ihr die Teile der Songs und sie tat genau das. Mir gefiel sehr, was sie da gemacht hatte und ich beschloß, diese dem Album hinzuzufügen. Außerdem wagte ich den Versuch, das in den Hauptteil des Albums einzuarbeiten, daher „Jack In The Pulpit“ und dann „Can't Stop“. Deren Aufbau mit dem Tempo und der Energie dieser Remixe abzustimmen, und sie als Ganzes in Einklang zu bringen. Ich stelle fest, daß das nicht jedermanns Geschmack ist, aber so ist das Leben – einige Leute schreiben mir und bitten darum alle diese Elemente dieser Songs einzuarbeiten, diese so aufzubauen, wie ich es live mache – und andererseits schreiben mir Leute, daß ich genau das nicht tun soll! UND Leute schreiben mir, daß es Dance-Remixes der Songs geben soll, während andere mir schreiben, daß es KEINE Dance-Remixes irgendwelcher Songs geben soll! Ich kann es nicht jedem recht machen und ich gehe meinen eigenen Weg...
Medienkonverter:
Gibt es Pläne für weitere Remixe, vielleicht auf dem nächsten Album und, wenn ja, wen hättest Du denn gerne?
Matt Howden:
Ich hoffe, In The Nursery werden für mich einige Remixe auf dem nächsten Album anfertigen. Wir haben bereits kürzlich für einige Film- und andere Projekte zusammengearbeitet. Daneben will ich, daß Sage Francis, Mozart oder Gott Sieben remixen.
Medienkonverter:
Kommen wir zurück auf Post Romantic Empire. Das Buch mit CD „The Matter Of Britain“, welches die Gedichte Deines Vaters Keith Howden mit Deiner Musik verbindet, war eine ihrer Veröffentlichungen. Auf Deiner Homepage kündigst Du ein zweites derartiges Projekt an. Dürfen wir mehr darüber erfahren?
Matt Howden:
Ja. Tatsächlich kommt mein Vater in zwei Wochen in mein Studio, um nochmals seine Gedichte aufzunehmen (Versteckt den Whiskey!). Das letzte Mal hatte ich das Gefühl, daß er Gedichte schrieb, von denen er annahm, daß sie für meine Zuhörerschaft geeignet wären („was ist, wenn die ihnen nicht gefallen, Sohn? Ich könnte Dir Dein Publikum vergraulen!“). Dieses Mal bestand ich darauf, daß er eine Auswahl seiner besten Werke zusammenstellte, diejenigen Gedichte, die für ihn die Zeit überdauert haben und die Werke, auf die er am meisten stolz war. Ich habe keine Ahnung, welche Musik ich dazu schreiben werde; das wird sich erst herauskristallisieren, wenn ich die Worte aufgenommen habe und diese werden mich leiten.
Medienkonverter:
Wenn wir auf Dein letztes Album „As They Should Sound“ zurückblicken, wo ältere Titel überarbeitet wurden, lag dem nur die Idee zugrunde, diesen Songs neue Facetten zu entlocken oder warst Du einfach unzufrieden mit Deiner früheren Arbeit?
Matt Howden:
Sie hatten sich weiterentwickelt, nachdem ich sie in einer Menge von Konzerten gespielt hatte. Songs entfalten sich, manchmal meint man, sie spielen nach eigenen Regeln und nicht nach Deinem Willen. Du gehst einfach mit. Man bedenke, der Künstler ist ein anderer Mensch, nachdem er den Song fünf Jahre lang auf und ab gespielt hat, als wenn er ihn schreibt. Du selbst entwickelst Dich (falls Du an Deiner Entwicklung arbeitest ;-) ).
Medienkonverter:
Die letzten Veröffentlichungen wurden von Dir alleine geschaffen. Denkst Du nicht manchmal daran, wieder einige Gäste einzuladen?
Matt Howden:
Nein ;-) Es sollte immer so bleiben. Ich trage jeden verdammten Tag meinen Teil zu Zusammenarbeiten bei, mit meinen Studenten, mit Bands auf der Bühne, mit Filmschaffenden, mit Choreographen, mit Künstlern.
Medienkonverter:
Glaubst Du, daß alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, Klänge mit Deiner Violine zu erzeugen oder hast Du bereits weitere Ideen, dieses Instrument in unüblicher Weise zu verwenden? (Davon abgesehen, wie viele Tage ohne Rasur sind optimal, um diesen schabenden Ton hinzubekommen?) *)
Matt Howden:
Ich bemühe mich immer, sie für jede neue Veröffentlichung ein wenig mehr zu „pushen“. Ich weiß derzeit noch nicht, was es als nächstes sein wird. Aber ich habe Pläne, ein Quadrat aus Metall anfertigen und an meine Geige anpassen zu lassen und ein Holzstück in Form meines Ogham-Tattoos an den Korpus der Violine anzukleben, damit ich kratzen kann, ohne meine Geige weiter zu ruinieren. Eventuell plane ich, eine Viola und Tonabnehmer zu kaufen und ein Sieben-Album mit tieferem, mächtigerem Sound zu schaffen, als die Violine je produzieren kann – selbst mit allen Techniken, die ich bisher angewandt habe.
*) Nachtrag:
Auf nochmalige Nachfrage, wieviele Tage ohne Rasur denn nun optimal sind, um mit dem Kinn den schabenden Sound zu erzeugen, antwortete Matt wie folgt:
"Ein Tag ist gut, zwei Tage am besten, bei drei Tagen fängt's an, ein wenig weicher zu klingen und gleichzeiig nicht mehr "durchzuschlagen" ;-) "
Medienkonverter:
Eines Deiner derzeitigen Projekte ist der Soundtrack zu einem Film des Münchener Filmemachers Martin Hans Schmitt, der mit „Robot World“ betitelt ist und als „non-verbale Dokumentation“ beschrieben wird. Wie paßt der warme Klang Deiner Violine zur kalten Welt der Technik?
Matt Howden:
Martin wollte einen warmen, akustischen Soundtrack, um der kalten Bilderwelt der Roboter entgegenzuwirken. Es war wirklich eine Herausforderung für mich, da er ausdrücklich darum bat, nicht zu loopen und nicht zu viele Ebenen zu verwenden. Insbesondere deswegen anspruchsvoll, da dies ja genau das ist, was ich normalerweise mache und er das Gegenteil wollte. Ich mußte aufpassen, nicht zu waghalsig zu sein, da er eine ganz konservative Herangehensweise an Musik hatte und davon, was sie bewirken und darstellen sollte, aber ich glaube, die Ergebnisse sind in Ordnung und die Musik verträgt sich gut mit den Bildern.
Medienkonverter:
Die letzte Frage soll ein Gedankenspiel sein: Was würde passieren, wenn Du einer der berühmtesten Musiker werden würdest mit einer zahllosen Menge an kreischenden Teenie-Fans?
Matt Howden:
Dann werde ich einen neuen Körper aus Stahl und Speck haben und wir werden gemeinsam die Sterne erkunden, während wir Käsebrötchen essen und bayerischen Techno-Folk hören... Danach werde ich mich in das Land der schönen Frauen zurückziehen, die nichts anderes im Kopf haben als mich fit zu halten, indem sie endlos mit mir schlafen und mich dann wieder aufpäppeln. Es wird schwierig sein, das zu genießen, aber ich werde mich anstrengen mein Bestes zu versuchen ;-) Das ist eine Fiktion, stimmt's?
Ich habe irgendwie das Gefühl, daß das nicht passieren wird, sowohl Deine Frage als auch meine Antwort ;-)
Medienkonverter:
Vielen Dank, daß Du Dir die Zeit genommen hast. Ich wünsche Dir viel Erfolg mit Deiner neuen Scheibe und noch viel Inspiration, um uns „mehr Songs zu bauen“. Die allerletzten Worte sollen Deine sein:
Matt Howden:
Danke – genau das werde ich tun :-)