Interview

Artist:

[:SITD:]

Titel:

ROT

Datum:

10.11.09

Forumsbeiträge:

0







Medienkonverter: 

[:SITD:] haben soeben ihr neues Album ROT veröffentlicht. Hinter dem so einfachen Namen steckt wieder ein festes Konzept der Band, die dem Thema ROT weit mehr entlockt als man vermuten mag. Die Ruhrpott-Jungs haben sich die Zeit für ein kleines Email-Interview mit uns genommen und sprechen über ihre Intentionen, die Tour und den gläsernen Bürger.

Hallo [:SITD:]. Euer neues Album hat den markanten Namen ROT und widmet sich komplett den unterschiedlichsten Bedeutungen der Farbe ROT. Woher kam der Gedanke, aus ROT ein Konzept für euer aktuelles Werk zu machen?

[:SITD:]: 

Carsten: Der Titel bringt genau das zum Ausdruck, was wir persönlich mit [:SITD:] verbinden. “Rot“ steht für Wärme, Energie, Freude und Leidenschaft, aber auch ebenso für Aggression, Zorn und revolutionären Kampfgeist. Alles was wir tun, verfolgen wir mit all unserer Energie, Freude und Leidenschaft, die wir auch an unsere Hörer vermitteln möchten. Also ist das schon mal ein vortrefflicher Titel, der unsere Grundhaltung verkörpert. Außerdem ist “Rot“ auch traditionell die Farbe der Arbeiterbewegung, womit wir uns als Kinder des Ruhrgebiets voll und ganz identifizieren können. Die Farbe steht für unsere Herkunft und Wurzeln. Darüber hinaus ist “Rot“ die Signal- und Warnfarbe schlechthin. Das ist wiederum auf die Botschaften unserer Songs übertragbar, die man als Weckrufe interpretieren kann, mit denen wir auf Missstände in unserer Gesellschaft hinweisen möchten.


Medienkonverter: 

Euer Artwork suggeriert eine ziemliche Endzeitstimmung. ROTer Lichtblick ist jeweils lediglich die SITD-Flagge. Was wollt ihr damit symbolisieren?

[:SITD:]: 

Carsten: Wir wollten nichts Plakatives, sondern einen interpretationsfähigen Freiraum erschaffen. Die rote Fahne auf der Wasseroberfläche ist ja ein überaus unwirkliches Szenario. Ziel war es, das Unwirkliche und Traumhafte sowie die Tiefen des Unbewussten auszuloten und den durch die menschliche Logik begrenzten Erfahrungsbereich durch das phantastische und Absurde zu erweitern. Deswegen haben wir diesen surrealistischen Ansatz gewählt.


Medienkonverter: 

Adrian Hates hat euch beim Coverdesign unterstützt. Woher kam das?

[:SITD:]: 

Tom: Adrian verfügt durch seine langjährige Arbeit mit Diary Of Dreams über einen großen Erfahrungsschatz. Insbesondere in Sachen Artworks und Fotoshootings hat er schon so einiges auf die Beine gestellt. Von daher lag ein solcher Austausch nahe.


Medienkonverter: 

Ist das Kafka-Zitat der Bogen zu ROT und damit dem Titelsong eurer Platte? Ich interpretiere ROT als Wachrütteln, so wie Kafka zum Tun aufruft. Habt ihr euch bewusst für dieses Zitat entschieden oder interpretiere ich hier zu viel?

[:SITD:]: 

Carsten: Nein, Du bringst es genau auf den Punkt! Wenn wir Zitate auswählen, dann haben wir das Gesamtkonzept vor Augen und möchten damit etwas unterstreichen bzw. hervorheben. Kafka versteht es die unglaublichsten Sachverhalte aufs deutlichste und nüchternste zu beschreiben. Deine Interpretation ist völlig korrekt.


Medienkonverter: 

Ihr beschäftigt euch dieses Mal sehr offensichtlich mit religiösen und antiken Themen (Catharsis, Stigmata of Jesus, Redemption). Was war Anstoß dafür?

[:SITD:]: 

Carsten: Dafür gibt es sehr unterschiedliche Gründe. Wir können für uns selbst nicht viel aus Religion gewinnen, gleichwohl ist die Beschäftigung mit ihr interessant, genauso wie die Beschäftigung mit Parapsychologie, Esoterik und anderen spirituellen Dingen. Bei “Stigmata Of Jesus“ beschreiben wir ein Kreuzigungsszenario aus dem Blickwinkel eines “Stigmatisierten“, also eine Person, die die Leiden von Jesus Christus am eigenen Körper physisch spürt und auch mental durchlebt. In vielen Fällen wird behauptet, dass die Wundmale von Jesus Christus am Körper von lebenden Menschen erscheinen und diese offenen Wunden über viele Jahre hinweg nicht heilen, sich aber auch nicht entzünden bzw. eitern. Es wird gar von einem Blutfluss entgegengesetzt der Schwerkraft berichtet. Das kann man natürlich nicht medizinisch erklären. Die Mediziner stehen deshalb im Disput mit der Theologie, die die “Stigmatisation“ teilweise als Wunder klassifizieren. Der erste dokumentierte Fall von “Stigmatisation“ ist der des Franz von Assisi (1181/82 - 1226). “Catharsis“ steht für "Reinigung". Es geht in dem Song um das Ausleben von inneren Konflikten und verdrängten Emotionen, die - so die Psychologie - zu einer Reduktion der Konflikte und Gefühle führt. Der Film "AMERICAN PSYCHO" stand hierzu übrigens inspirierend Pate. “Redemption“ setzt sich mit dem Verlust eines geliebten Menschen auseinander . Wir standen unter dem Eindruck des Amoklaufs von Winnenden, als wir uns in die Situation der trauernden Angehörigen versetzt haben. Die Geschehnisse haben uns tief bewegt, so dass wir aus einem inneren Gefühl heraus auf jeden Fall etwas dazu machen mussten. Da wir auf “Laughingstock“ das Thema - bezugnehmend auf die Amokläufe in Littleton und Erfurt - bereits aus Tätersicht behandelt hatten, wollten wir nun gänzlich anders an die Sache herangehen und daraus ist dann “Redemption“ entstanden. Eigentlich war es auch gar nicht unsere Absicht die genauen Hintergründe zu offenbaren. Es geht ja weniger um die Tat an sich, als um das allgemeine Gefühl der Trauer und des Verlustes. Aber es ist vielleicht auch wichtig, um zu verstehen, dass daraus eben kein brachialer Song entstehen konnte, sondern ein Song, der Gänsehaut erzeugt und so emotional klingt, wie er eben nun mal ist.


Medienkonverter: 

Zodiac: Ist hier der Film Vorlage für den Song? Im Text spricht ausschließlich der Killer… Ungewöhnlich und einmalig auf der CD (sonst aus eurer Perspektive, Ausdruck eurer Standpunkte).

[:SITD:]: 

Carsten: Wir haben uns ausführlich mit dem Phänomen des “Zodiac“-Killers beschäftigt. Neben den filmischen Aufarbeitungen haben wir sämtliche Quellen im Internet studiert, die es zu diesem Thema gab. Darunter fanden wir auch die abfotografierten Originalbriefe des “Zodiacs“, dessen Identität bis heute nicht zweifelsfrei sicher gestellt werden konnte. Die bizarren mit Symbolen und Zeichen codierten Briefe, die der Killer an die Ermittlungsbehörden und der lokalen Presse schickte, dienten uns als wichtige Inspirationsquelle. Entsprechende Fragmente finden sich auch im Stück wieder. Normalerweise wechseln wir innerhalb eines Textes häufig die Perspektive, wobei es fast immer eine wertende Ebene gibt. Bei “Zodiac“ sind wir nur in die Rolle der Bestie geschlüpft und haben auf eine Wertung verzichtet. Es gibt Dinge, die ohnehin eindeutig genug sind, als dass man noch den moralischen Zeigefinger heben müsste. Das hast Du also völlig richtig beobachtet.


Medienkonverter: 

„Frontal“ ist ein Angriff auf die Überwachungsaktivitäten in Deutschland. Ist es ein genereller Vorwurf/ Verurteilung oder gibt es eurerseits ganz persönliche Erfahrungen?

[:SITD:]: 

Carsten: Beides. Der thematische Schwerpunkt von “Frontal“ sind die stetig zunehmenden Eingriffe des Staats – oftmals unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung - in die Privatsphäre seiner Bürger. Nehmen wir zum Beispiel das Thema der Vorratsspeicherung von Telefon- und Internetdaten. Aufgrund eines neuen Gesetzes ist es seit 2008 für den Staat nachvollziehbar, wer mit wem in den letzten sechs Monaten per Telefon, Handy oder E-Mail in Verbindung gestanden oder das Internet genutzt hat. Bei Handy-Telefonaten und SMS wird von den Telekommunikationsanbietern auch der jeweilige Standort des Benutzers festgehalten. Mit Hilfe der über die gesamte Bevölkerung gespeicherten Daten können nun Bewegungsprofile erstellt, geschäftliche Kontakte rekonstruiert und Freundschaftsbeziehungen identifiziert werden. Auch Rückschlüsse auf den Inhalt der Kommunikation, auf persönliche Interessen und die Lebenssituation der Kommunizierenden sind nun möglich. Den Zugriff auf die gespeicherten Daten haben die Polizei, die Staatsanwaltschaft und ausländische Staaten, die sich davon eine verbesserte Strafverfolgung versprechen. Weitere Maßnahmen wie u.a. der vieldiskutierte “große“ und “kleine“ Lauschangriff, sowie die mögliche Einführung eines “Bundestrojaners“ geben weiteren Anlass zur Besorgnis. Wir werden immer mehr zu gläsernen Bürgern, die unter einem Generalverdacht stehen. “Frontal“ ist ein Weckruf, dass wir nicht alles unreflektiert hinnehmen und diese Entwicklung kritisch beobachten sollten. Soweit die faktischen Hintergründe. Aber das ganze Thema hat auch noch einen persönlichen Background. Einem guten Freund von uns ist folgendes widerfahren: Ein übereifriger Bankangestellter fühlte sich dazu bemüßigt, ihn bei der Polizei zu denunzieren, weil er seine Freundin vor der Bank mit einem verschmutzten Auto absetzte, hektisch vor der Tür wartete und sich schließlich eilig mit dem Auto entfernte ohne auf die in einer Warteschlange in der Bank stehenden Freundin zu warten. Das Nummernschild sei, so der Banker, so verschmutzt gewesen, dass er nur mit Mühe das Kennzeichen entziffern konnte. Das war für die Polizei Grund genug, um das Telefon unseres Freundes wochenlang abzuhören, ihn mit zwei Beamten zu observieren und schließlich eine Hausdurchsuchung durchzuführen. Ergeben hat das natürlich nichts! Denn unser Kollege beabsichtigte selbstverständlich nicht die Bank zu überfallen, sondern er war erst vorher mit seiner Freundin und seinem Hund im Wald spazieren, was zur Verschmutzung des Autos führte und auf ihn warteten an diesem Tag wichtige Termine, weswegen er es sehr eilig hatte. Deswegen hat er vorher zu seiner Freundin gesagt: “Ich kann nur 5 Minuten auf Dich warten. Wenn es länger dauert, fahre ich schon mal los.“ Unglaublich das der Hintergrund so einer Geschichte zu den oben genannten polizeilichen Maßnahmen führt. Das war schließlich der ausschlaggebende Punkt, dass wir uns dem Thema gewidmet haben.


Medienkonverter: 

„Destination“ ist eine Liebeserklärung an das Ruhrgebiet??!!

[:SITD:]: 

Tom: Ja, das kann man so sehen. Der Song ist als inhaltliche Fortführung von “Displaced“ vom Album “Bestie: Mensch“ zu verstehen. Er beinhaltet eine Rückschau, eine Betrachtung der Gegenwart und einen Ausblick auf die Zukunft aus der Sicht einer Person, die ihre Heimat wiedergefunden hat. Der Weg führt dorthin zurück, wo man geboren wurde, sich vollkommen und verstanden fühlt und wo man auch seine letzte Ruhe finden möchte.


Medienkonverter: 

Ihr wurdet üblicherweise von Krischan (Rotersand) gemastert. Diesmal der Wechsel auf X-Fusion Music Production. Warum?

[:SITD:]: 

Tom: Das variierte auch schon in der Vergangenheit. Jan hat bereits das Mastering für die “Kreuzgang“-Maxi zu unserer großen Zufriedenheit erledigt. Wir arbeiten sowohl mit Krischan als auch mit Jan sehr gerne zusammen. Wir sind alle Jungs aus dem Ruhrgebiet, da stimmt die Chemie. Wenn wir auf externe Hilfe zurückgreifen, dann steht das Album schon fast komplett und es geht nur noch um Feinheiten. Aber manchmal ist der Punkt erreicht, wo man nach wochenlangen Tüfteln und Rumschrauben nicht mehr die Ohren frei hat, da kann es dann sehr hilfreich sein, wenn man einen Input von Außen bekommt.


Medienkonverter: 

Merkwürdigerweise finde ich aber, dass ihr diesmal technoider klingt als sonst – was mich wiederum manchmal ein klein wenig an Rotersand erinnert. Ohne Vergleiche aufstellen zu wollen…

[:SITD:]: 

Tom: Wirklich? Das empfinden wir gar nicht so. Wir schätzen Rotersand sehr, aber musikalisch sehen wir jetzt nicht so eine große Schnittmenge zwischen beiden Bands. Härter und technoider klingt unser neues Album sicherlich. Vor dem Beginn der Studioarbeiten haben wir uns selbst bestimmte Vorgaben gegeben, die wir während des Entstehungsprozesses des Albums nie aus den Augen verloren haben. Wir wollten ein Album machen, das im Vergleich zum Vorgänger härter und direkter klingt. Um diese ungekünstelte Direktheit und Authentizität zu erreichen, haben wir uns auf das Wesentliche konzentriert. Überschüssigen Ballast haben wir über Bord geschmissen. Außerdem haben wir im “Beats-Per-Minute“-Bereich die Schraube ordentlich angezogen. Ein grundsätzliches Anliegen war überdies, dass wir im produktionstechnischen Sinne eine gewisse Derb- bzw. Schroffheit erzeugen wollten, die es von uns in dieser Konsequenz seit “Snuff Machinery“ und “Laughingstock“ nicht mehr gab.


Medienkonverter: 

Ihr seid zurzeit auf [:ROT:]-Tour. Wonach habt ihr eure Vorbands ausgesucht?

[:SITD:]: 

Tom: Die Entscheidung haben wir zusammen mit unserer Booking-Agentur Neuwerk gefällt. Es gab zwei Kriterien, die bei der Auswahl der Bands eine übergeordnete Rolle gespielt haben: Erstens sollte das Gesamtpaket musikalisch abwechselungsreich sein und zweitens wollten wir mit Künstlern auf Tour gehen, wo es untereinander auch menschlich passt. Und genau das ist bei Reaper und Amnistia der Fall.


Medienkonverter: 

Vielen Dank für das Interview. Ich wünsche euch viel Erfolg mit dem Album und der dazugehörigen Tour!

Fanoe

This Drowning Man

Sharon Next

Mantus

Shearer

Mika Goedrijk

The Transisters

Parma Day Feat. Mädchen June

Unter Null

Flutwacht

Born For Bliss

Sehnsucht

Solemn Novena

Attention System

Andreas Akwara

Eldar

Various Artists

Various Artists

Various Artists

Various Artists

Leaether Strip

Psy’Aviah

Current 93

Kant Kino

Various Artists

Eyes Shut Tight

Defence Mechanism

Bettina Bormann

Tokyo Police Club

My Little Tramp

Spandau Ballet

Rummelsnuff

Nàttsòl

Klangstabil

Squaremeter

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