Medienkonverter:
Auch wenn The Eternal Afflict meint: "kein getipptes Wort ist so viel wert wie ein gesprochenes..." haben wir Ihre kurzweiligen & bitterernsten Standpunkte für Euch festgehalten. Letztlich auch wegen dem verdammten Kurzzeitgedächtnis & der misstrauischen Faszination dabei. Here we go...
Wie derzeit bei keiner anderen deutschsprachigen Band überschlagen sich grad die Magazine beim Beifall & das WGT-Publikum hatte Euch ja regelrecht abgefeiert... Wie lebt es sich dabei, für das woran man Spaß hat auch wieder honoriert zu werden?
The Eternal Afflict:
WINUS: Es ist schon sehr schön und wir genießen es, dass unsere Musik wieder Freunde findet....
cyan: Es weckt in uns selbst auch wieder eine gewisse Euphorie, aber wir kennen natürlich mittlerweile das schwarze Loch in das man fallen kann, wenn es dann mal wieder nicht so gut läuft, nur zu gut. Also handhaben wir das wie Gentlemen, wir genießen und schweigen......
Medienkonverter:
Ich hab mir Band-Leben ja immer wie eine Ehe vorgestellt, wie einen permanenten Lernprozess mit ungewissem Ziel... In welchem Teil dieses Prozesses befindet Ihr Euch gerade? Zumal Ihr ja auf dem WGT signierte Autogramm-Karten für ein zukünftiges Ehepaar mit dem Vorbehalt auf Eure diversen Trennungen kommentiert habt ;-)
The Eternal Afflict:
WINUS: Ich hoffe für die Protagonisten, dass sie – bitte – andere Wege in ihrer zukünftigen Ehe beschreiten, als wir in unserem Bandleben ;-)
cyan: Winus und ich sind keine Elefanten, die sich jeden Zwist noch 5 Jahre lang täglich vorhalten. "Erase and Rewind" könnte die Überschrift für unsere Beziehung sein. Wenn es dann richtig zwischen uns gekracht hat, so richtig laut, hart und dreckig..... und sich nach einer Zeit wieder die Wolken verziehen, sind die ganzen Dinge wie bei einer Dialyse-Behandlung aus unserem Blut gewaschen.
Medienkonverter:
Sowohl die Verdrängung als auch die Aufarbeitung der eigenen Geschichte hat zuweilen skurrilen Charakter... Der in Eurer Bandhistorie verloren gegangene Suffix -ION wurde Namensgeber fürs Album, steht er da als Sinnbild für Dinge die schon abgeschlossen sind, oder eher für alles Andere was zukünftig noch ansteht?
The Eternal Afflict:
WINUS: Du meinst, bei uns könnte man noch mit weiteren Outings rechnen....?? Z. B. die T.E.A. – Wohngemeinschaft oder das T.E.A. – Patienten – Kollektiv...??? Hmmm....
cyan: TEA gemeinsam in der Badewanne, wie damals Ernie und Bert ..... nee, lieber nicht, ich geb mein Quietsche-Entchen nicht aus der Hand.
Medienkonverter:
Die menschliche Natur ist die konservativste irdische Institution... & so gibt es auf -ION auch nichts grundsätzlich Neues in Sachen Texte. Fühlt man sich, gerade in einer als unpolitisch & hedonistisch verschriener Szene, da nicht manchmal wie der einsame Rufer im Wald?
The Eternal Afflict:
cyan: Vielleicht sind gerade wir der richtige Kontrapunkt, und noch nen vielleicht, vielleicht gibt es uns auch deswegen immer noch, weil wir noch immer was zu sagen und immer noch nicht genug Geld haben, um uns bis an unser Lebensende nen Privat-Psychiater leisten zu können. Da muss halt unsere Musik und der geneigte Zuhörer herhalten.....
WINUS: Wir finden es nach wie vor nicht schändlich, eine – wie man so schön in „Neudeutsch“ sagt – „Message“ zu haben und schrecken auch nicht davor zurück, den gewogenen Hörer damit zu belästigen....
cyan: Zum Thema nix neues an Lyrix, es gibt Noten und es gibt Worte, alles davon ist ja schon millionenfach benutzt. Die Symbiose aus beidem kann nur immer wieder neu gestaltet werden. Außerdem lass ich das jetzt so nicht auf mir sitzen, klingt vielleicht vollkommen pathetisch, aber jede Zeile ist ein neuer Tropfen Blut der in unsere Songs fließt. "Here comes my blood" von der "Euphoric & Demonic" handelte genau von diesem Thema.
Medienkonverter:
Was war konkret ausschlaggebend für "Eht Lanrete Raw"? Steht der Titel nur als Anagramm für die sinnlose Beständigkeit einer Tötungsmaschinerie in allen Kulturen, oder versteht es sich auch als Gegenpol zu promilitärischen Positionen & Trends in der Szene... oder ist es gar ein versteckter Aphorismus in Sachen Band-Geschichte?
The Eternal Afflict:
WINUS: Wir haben schon häufig den „Krieg“ in seiner ganzen Sinnlosigkeit und mit allen damit verbundenen Schicksalen thematisiert und die heutige Zeit, in der sich auch Deutschland wieder berufen fühlt, in fernen Weltgegenden einen „Krieg gegen den Terrorismus“ zu führen (Wirtschaftliche Interessen spielen natürlich „keine Rolle“), macht es aus meiner Sicht notwendig, sich erneut mit dieser Thematik auseinander zu setzen. Die bandinternen Auseinandersetzungen würde ich in diesem Zusammenhang als Banalitäten abtun....
Medienkonverter:
Apropos "Eht Lanrete Raw"... Dabei fiel mir als Längerlebendem sofort die Band Wishful Thinking ein. Weshalb hat sich Eurer Meinung nach, in den letzten 20 Jahren, kaum einer mehr kulturell mit dem Thema Hiroshima auseinander gesetzt?
The Eternal Afflict:
WINUS: In unserer schnelllebigen Zeit ist die Schlagzeile von gestern ja schon Geschichte. Wer erinnert sich noch daran, welche Bedeutung der erste Atombombeneinsatz für die Betroffenen und Getroffenen, für die Jahrzehnte danach (Wettrüsten, Kalter Krieg) bedeuteten...Ein Hurra dem Kurzzeitgedächtnis UND wer zu viel denkt, bekommt Kopfschmerzen ;-) !!!
Medienkonverter:
Und nochmal WAR, wohl eines der meist verwendeten Worte Eurer Texte & ja auch die schlimmste aller Umweltzerstörungen. Ist es da nicht irgendwie grotesk dass Politiker mit hellscheinender Öko-Aura noch immer Soldaten in Kriege schicken?
The Eternal Afflict:
WINUS: Letzter Tage hat es mich bald von der Autobahn gerissen, als sich im Radio einer der Großkoalitionären Politiker im Zusammenhang mit dem Afghanistan – Krieg zu der Aussage hinreißen ließ, „Der Krieg sei doch auch eine Form von sozialer Hinwendung“......No comment...
Medienkonverter:
Beim hören von "Suicide Kingdom" & "6 Million Ways To Die" musste ich an Clockwork Orange denken. Bei diesem Film geht es ja um die Frage, ob man dem Menschen die Freiheit lassen sollte böse zu sein. Das "Böse" was Ihr hier beschreibt, richtet sich in erster Linie gegen einen selbst. Welchen Stellenwert hat dann diese eine Freiheit noch, angesichts der plakativen Vereinnahmung/Herausforderung in ideologischen & medialen Auseinandersetzungen?
The Eternal Afflict:
WINUS: Da ich ja auch schon länger auf dieser, unserer Welt verweile, habe ich CLOCKWORK ORANGE zunächst als Buch kennengelernt....im übrigen eine sehr interessante und immer noch empfehlenswerte Herangehensweise....das Buch ist der Sprache der „Droogies“ geschrieben und lässt einen doch anfänglich ziemlich verzweifeln....aber zurück zu Deiner Frage: Der zügellose Konsum der post – industriellen Mediengesellschaft hat aus meiner Sicht die Grenzen zwischen „Gut und Böse“ schon längst verwischt....wahrgenommen werden nur noch extreme Grenzüberschreitungen anhand von fulminanten Eskalationen....
Medienkonverter:
Freiheit, Ideologie & Medien... "Rise And Fall". Zu Beginn der jetzigen Krise hieß es ja, Ihr Auslöser wäre die Gier aller. Doch jetzt wird mit Vertrauensappellen die Gier der Menschen als Notwendigkeit angemahnt, um z.B. die Autoindustrie anzukurbeln. Ist das nicht paradox?
The Eternal Afflict:
Winus: Das frei um den Globus vagabundierende Kapital und dessen unkontrollierte Aggressivität hat diese Krise herbeigeführt....man hat den Menschen über Jahre vorgegaukelt, alles sei machbar und die Gier des Einzelnen genutzt, um ihn zuerst zu verführen und dann zu ruinieren.....Anstatt nun innezuhalten und umzusteuern, werden Steuergelder ins Finanzsystem gepumpt und die Obamas und Westerwelles dieser Welt rufen uns munter zu: Weiter so !!!!
Medienkonverter:
"China Syndrome" klingt zwar nicht wie ein Rückblick auf "San Diego", beschäftigt sich aber ebenso mit dem Thema Kern-Reaktor-Unfall. Teilt Ihr meine Ansicht, dass es eigenartigerweise viel zu wenig Gegenwehr angesichts der wahnwitzigen Wiederbelebungen von Brokdorf, Krümmel & Emsland gibt? Sind wir schon so pillenwütig, dass wir glauben eine staatlich verabreichte Ration Jod-Tabletten würde uns retten?
The Eternal Afflict:
WINUS: Der Tanz auf dem Vulkan übt doch von je her eine große Faszination auf den Menschen aus und statt aus Fehlern zu lernen, reicht eine – historisch gesehen – minimale Zeitspanne des Vergessens und Verdrängens aus, und – befeuert durch eine selbst verursachte wirtschaftliche Krise – unbeirrt die gleichen Fehler erneut zu begehen....der Zug der Lemminge halt....
Medienkonverter:
Glauben... Steht "Rex Deus" für eine Interpretation der literarischen schwarzen Kutten oder nehmt Ihr Bezug auf die satanische Blutlinie der Merowinger, welche bei Verschwörungstheoretikern bei jedem Wahlkampf immer wieder gerne herangezogen wird?
The Eternal Afflict:
WINUS: rex = König - et = und - Deus = Gott ...hmmm...das würde doch wieder zu T.E.A. passen, oder??? Nein, im Ernst: Die Musik habe ich geschrieben, als ich ein bestimmtes Buch und danach einen (deutlich schlechteren) Film gesehen hatte...
Medienkonverter:
Luthers Bibelübersetzung hat ja die Entwicklung der deutschen Sprache stark beeinflusst... Weshalb habt Ihr bei -ION auf dieses Ausdrucksmittel verzichtet?
The Eternal Afflict:
cyan: Relativ einfach, ich mag meine Stimme nicht, wenn sie deutsche Worte in unsere Musik transportiert. Dann wird es mir zu persönlich, dann ist der Abstand nicht mehr da, dann fühle ich mich nackt. Deutsche Lyrix nicht zu benutzen ist für mich eine Art Schutzwall. Ich benutze Schlagwörter und Metaphern die ich im englischen dann aber so niederschreibe, als ob da doch noch immer eine Art "Photograben" ist.
Medienkonverter:
Nach "Drama (For One)" will ich ja gar nicht weiter fragen, der Verzicht auf Gast-Sängerinnen spricht ja schon fast für sich selbst... ;-)
The Eternal Afflict:
WINUS: Ein sehr persönliches Instrumental....schön und traurig zugleich...
cyan: Ganz großes Kino, Winus ! Das sei an dieser Stelle nochmal erwähnt, bei diesem Song habe ich jedes Mal Gänsehaut.....
Medienkonverter:
Hat sich Eure gemeinsame Arbeit bei diesem Album eigentlich signifikant verändert? Und wie verhielt sich dabei prozentual der Faktor Inspiration zu Transpiration?
The Eternal Afflict:
WINUS: Die Jahreszeiten kamen und gingen und Inspiration und Transpiration auch,,,,
cyan: Wir haben anders gearbeitet, wie kann ich nicht wirklich umschreiben. Vielleicht nur Ansätze von Gründen "wieso?". Die Zeit vom letzten TEA - Album "Euphoric&Demonic" bis zur "ION" war mit persönlich einschneidenden Erlebnissen übersät, manche positiv, manche eher negativ, und einige leider endgültig. Und auch wenn wir 2 ja schon nen paar Jahre hinter uns haben, sind all diese Dinge wieder Lernprozesse a la "Das nächstemal aus der Mücke nicht wieder nen Elefant machen, weil es geht noch viel schlimmer".
Medienkonverter:
Ihr habt ja alle noch Eure eigenen Projekte & Produzenten-Jobs... Wie hält man so viel Musik im Kopf aus? Verträgt man da privat & nebenbei noch Werke anderer Musiker?
The Eternal Afflict:
WINUS: Privat ?? Sind das diese raren Momente, in denen man sich nicht mit Musik in irgendeiner Form beschäftigt..?? Wenn ich dann, was eher selten vorkommt, wirklich einmal Musik höre, handelt es sich in der Regel um szeneferne Künstler...und Klassik.
cyan: Szene bezogen, eher selten. Um abends den Kopf wieder frei zu bekommen gerne alles was Herz und Seele hat.
Medienkonverter:
Jeder feilt gegenwärtig an seinem Auftritt im sozialen Netzwerk. Wie sozial sind denn Eure Begegnungen im MySpace & wie verdaut man das synthetisch-unmittelbare Feedback?
The Eternal Afflict:
WINUS: Wir als „Dinosaurier“ haben ja erst relativ spät diese Möglichkeiten für uns entdeckt und ich persönlich betrachte das Ganze mit einer misstrauischen Faszination....
cyan: Soziales Netzwerk? Durch das Internet haben doch mindestens 50 % der Menschheit verlernt, wie man ne gescheite Konversation ohne Tastendrücken führt. Brauche ich Freunde aus Illinois, die nur Ihr Banner auf meine Seite stellen, damit sie noch mehr "Klicks" bekommen, steigert das meine Stellung in der Gesellschaft, fördert das mein soziales Umfeld .....kein getipptes Wort ist so viel wert wie ein gesprochenes...... Oder noch anders, wo bleiben die Überraschungen: Man kann sich doch jede Setlist im Netz angucken egal von welcher Band, wo bleibt da der Überraschungseffekt bei nem Konzert. Ich kann mir seit Wochen angucken wie die U2 Bühne aufgebaut wird, wo bleibt da mein offener Mund, wenn ich ins Stadion komme...?
Medienkonverter:
Danke für Eure Geduld & so viel Offenheit...