Interview mit Phillip Boa




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Achtung! Dieses Interview stammt vom 26.06.2007. Die auf dieser Seite veröffentlichten Informationen und Links sind unter Umständen nicht mehr aktuell.
Phillip Boa legt mit „Faking to blend in“ ein neues, beachtliches Album vor, auf dem er selbstbewusst beweist, dass die alte Angst vor gutem Pop und sanfter Melancholie endlich überwunden ist. Es gibt, wie immer bei Boa Songs, die einen vor Popappeal gerade zu anspringen und es gibt Lieder, die erarbeitet werden wollen.
Der neue Opus strotzt nur so von verschrobenen Figuren, boa-esken Geschichten und versteckten Symbolen: Der erste Song des Album ist ein Dienstag, der letzte ein Montag. Zwischendrin tummeln sich Matrosen, Dandyboys und andere, von Boa abstrakt und doch authentisch skizzierte, zerbrechliche Wesen, die es zu entdecken gilt.
Für die Atmosphäre alter Tage sorgten die zauberhaft melodiöse Pia Lund, sowie die alten Weggefährten Voodoo und Der Rabe. Den richtigen Groove und die sichere Verankerung in der musikalischen Neuzeit besorgte der junge Berliner Produzent Tobias Siebert. Durch diese Mischung aus Nostalgie und juvenilem Kampfgeist, ist der Generationen übergreifenden Musikerriege, die Phillip Boa zur Produktion von „Faking to blend in“ um sich versammelte ein wirklich charmantes Album gelungen, auch wenn es stellenweise an Reibungen oder subtiler Verspieltheit fehlt.
Ende Juni sprach ich mit Phillip Boa über sein neues Werk...


Bei unserem letzten Interview während der Remastered-Tour im letzten Herbst hast Du mir erzählt, dass Du bereits damals einen Großteil der Songs fürs neue Album fertig hattest. Was ist inzwischen alles passiert?


Die Hälfte der Songs hatte ich bereits Anfang 2006 geschrieben, doch dann gab es einen großen Streit mit Motor Music, weil ich mit deren Vermarktungsstrategie nicht einverstanden war. Irgendwann hat man sich dann doch zusammengerauft und meine Argumente akzeptiert, allerdings gefielen der Plattenfirma meine bis zu dem Zeitpunkt produzierten Songs nicht, so dass ich beleidigt war und wir wieder einen Nullpunkt erreicht hatten.
Mit David Vella hatte ich mich zu dem Zeitpunkt – wie mit wahrscheinlich auch jedem anderen Menschen auf der Welt – zerstritten. Ich wusste wirklich nicht wie es weitergehen sollte und dann habe ich zufällig meinen alten Schlagzeuger Der Rabe, ein wirklicher Studiofreak, wiedergetroffen. Wir haben dann bei ihm im Studio zusammen an den Songs weitergearbeitet. Das half mir aus der Krise heraus. Wir haben viele Songs umgeschrieben und viele neue Ideen gesammelt. Beispielsweise hat Der Rabe mir vorgeschlagen, bei dem Song „You hurt me“ einen Shuffle-Rhythmus wie bei „Kill your ideals“ zu verwenden.
Diese Ideenfindung im Studio vom Raben war der erste Schritt aus meinem psychischen Loch heraus. Irgendwann hat Tim Renner von Motor Music mir ein paar Produzenten vorgeschlagen und ich habe mir dann Tobias Siebert ausgesucht, mit dem ich letztendlich auch zusammengearbeitet habe. Ein cooler Typ. Ostdeutsch.


Ein Großteil des Albums ist in Berlin entstanden. Du hast auch für kurze Zeit hier gelebt. Wie gefiel Dir als Ruhrpottler das Leben in Berlin?


Normalerweise lebe ich eher abgeschieden, aber die Zeit in Berlin wahr wirklich cool. Hier wohnen viele kreative Typen, die irgendwo in Kreuzberg ihre kleinen Studios haben. Das alles hat etwas von einer musikalischen Aufbruchstimmung.


Im Pressetext zum neuen Album wird die Rolle von Produzent Tobias Siebert besonders hervorgehoben. Was hat die Zusammenarbeit mit ihm so einzigartig gemacht?


Die Arbeit mit Tobias war schon anders als sonst. Der letzte Produzent Gordon Raphael hat beispielsweise sehr minimal und sehr genial, dafür aber zu autoritär gearbeitet. Mit Tobi war es hingegen ein Geben und Nehmen. Er ist nicht nur Produzent, sondern auch Fan. Entsprechend gut kannte er meine Lieder und konnte sich somit auch hervorragend in die neuen Songs reindenken. Nach ein paar Tagen der Zusammenarbeit war das Eis gebrochen und er hat verstanden, was ich mag und was nicht.
Sein Einfluss auf das Album war also schon sehr stark, wobei es in der Presseinfo übertrieben dargestellt wurde, aber ich korrigiere solche Texte grundsätzlich nicht mehr.


Agierst Du eigentlich während der Produktion eines Albums eher als Regisseur, der die Fäden zusammenhält und am Ende alles zusammenführt oder lässt Du den Produzenten alle künstlerischen Freiheiten?


Ich war von Anfang an der Regisseur. Das Grundfragment jedes Songs ist für mich der Text. Anschließend erarbeite ich zusammen mit anderen Musikern die eigentlichen Stücke, wobei ich letztendlich immer bestimme in welche Richtung das jeweilige Lied geht.


Wie ist Deine Beziehung zur eigenen Musik? Hörst Du Dir die eigenen Lieder an, oder hast Du eine Distanz dazu?


Ich musste das Album jetzt sehr oft hören, weil das Mastering diesmal ein ziemlich komplizierter Prozess war. Es gab immer wieder Schwierigkeiten mit bestimmten Liedern. Von daher bin ich sehr von der Stimmung des Albums gefangen. Ich finde, dass „Faking to blend in“ ein wirklich gutes Album, mit ein paar zeitlosen, sich langsam entwickelnden Songs, geworden ist.


Schreibst Du Deine Texte konzentriert und an einem Stück, oder trägst Du Deine Ideen lange mit Dir herum bevor Du sie formulierst?


Ich habe immer sechs bis acht Textzeilen bei mir, die ich dann irgendwann zu einem richtigen Song verarbeite. Manche Fragmente trage ich Ewigkeiten mit mir herum. Die Figur beispielsweise, um die es in dem Lied „Collective Dandyism“ geht, stammt schon aus der Boaphenia-Ära. Ich habe damals einen total durchgeknallten, 16 Jahre alten Pferdejockey bei der Arbeit beobachtet und dabei fielen mir die Textzeilen ein. Jetzt erst wurden sie zu einem richtigen Song.


Könnte Phillip Boa mit solch einem Dandyboy befreundet sein?


Das kann ich nicht beantworten. Diese Figur kann sympathisch oder unsympathisch sein. Sie ist ein Paradiesvogel. Und Paradiesvögel habe es nicht einfach heutzutage.


Woher stammen die Geschichten aus Deinen neuen Songs? Sind die Figuren Menschen, die Du in der Bahn oder im Kaffee beobachtet hast oder sind sie rein fiktiv?


Meine Geschichten stammen aus dem Leben. Oft sind die Figuren nur erfunden und dienen als Träger. So zum Beispiel der Matrose in dem neuen Song „Drinking and belonging to the sea“ – er fährt in den Hafen ein, die Sonne geht auf und er fühlt sich warm und glücklich. Diese Figur transportiert eine bestimmte Atmosphäre, die auf dem neuen Album mehrere Male wiederkehrt. Diese Stimmung kann von dem Matrosen aus dem Song, aber auch von Dir selbst interpretiert werden.
Bei anderen Songs gibt es wiederum ganz konkret skizzierte Figuren, wie eben zum Beispiel bei dem Lied über den jungen Dandyboy aus Malta.


Wie kam es dazu, dass gerade der Song „Faking to blend in“ Namensgeber für das Album wurde?


Ich hasse es Albumtitel zu vergeben. Petra von Motor Music hat dann irgendwann „Faking to blend in“ als Titel vorgeschlagen. Da mir die Widersprüchlichkeit der Bedeutung gefiel und ich ohnehin froh war einen Namen für das Album gefunden zu haben, stimmte ich zu.
“Decadence & Isolation“ war ein schrecklicher Albumtitel. „God“ auch. „She“ auch. „Lord Garbage“ auch. Ich hoffe, dass ich den Titel des neuen Albums nicht irgendwann bereuen werde.


Die aktuellen Pressefotos finde ich diesmal besonders gelungen. Pia und Boa zu zweit in einer idyllischen Umgebung am Meer. Und trotzdem zeigen Blicke, Posen und Gesten, dass keine Harmonie vorherrscht. Eine perfekte Metapher für Eure Beziehung zueinander?


Das Umfeld hat diesmal gestimmt. Das Cover und speziell die Fotos vom letzten Album haben mir nicht gefallen, obwohl damals derselbe Fotograf wie bei der neuen Fotostrecke verantwortlich war. Es lag einfach an der, für uns falschen Umgebung.
Die neuen Bilder sind auf Teneriffa, morgens um vier Uhr entstanden. Zu dieser Zeit befindet man sich in keinem rationalen Zustand. Man bewegt sich irgendwo zwischen der Erschöpftheit nach einem harten Tag und der Erwartung eines neuen Tages. Fast zombiehaft. Dadurch bauen sich Hemmungen ab und man agiert natürlich. Das hat sich sehr positiv auf die Fotos ausgewirkt.


Und nun?


Ich freue mich schon total auf die Tour. Ich hoffe, dass es in Zukunft so weiterläuft wie in den letzten Jahren – nicht glamourös, aber okay.


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